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Drittes Kino II: Geschichte

Nach dem 1969 von Solanas‘ und Getinos Manifest „Hacia un Terce Cine“ (Für ein Drittes Kino) entstand in Lateinamerika, aber auch in Nordafrika und dem Nahen Osten eine Flut von Manifesten und Filmen, die jeweils ihre eigenen spezifischen Problematiken und Thematiken hatten, die aber heute alle dem Dritten Kino zugerechnet werden. Zu Recht gibt Willemen zu bedenken, dass diese Manifeste nicht einer einheitlichen Linie folgten und besonders im Nachhinein betrachtet eine heterogene Verhältnisspanne von Film und Politik aufwiesen, die die Vielfalt der Nöte und Realitäten der Dritten Welt wiederspiegelten. Damit hängt wohl auch zusammen, dass die Konzepte des dritten Kinos immer wieder revidiert worden sind. Unklarheiten in Solanas' und Getinos Urmanifest wurden schon bald nach dessen Veröffentlichung klargestellt in dem Artikel „Militant Cinema, an Internal Category of Third Cinema“, der aus der Konferenz der lateinamerikanischen Filmemacher inViña del Mar, Chile, hervorging. Dieser Artikel fasst Haupteigenschaften und Haupteinstellungen des Dritten Kinos zusammen: Verdammung mystifikatorischer Intentionen; absolute Flexibilität des Produktionsmodus (d.h. Sprengung des Mythos der hochspezialisierten Filmtechnologie und ihres Fachpersonals); Pragmatismus bei der Wahl von Inhalt und Stil.
Seit den 1970er Jahren haben die Debatten um das Dritte Kino zusehends einen transnationalen Charakter angenommen. Zum einen fanden spezifisch nationale Anstrengungen des Dritten Kinos in mehreren südamerikanischen Ländern nach diversen Militärputschs ein jähes Ende (wie z.B. in Argentinien, einem seiner Ursprungsländer, durch die erneute Machtergreifung des Militärs nach Perons Tod 1974); zum anderen spiegelte die globale Filmlandschaft auch immer mehr den Unterschied zwischen dritter und vierter Welt wieder, wobei internationale Festivals in der Manier des Zweiten Kinos einen Kanon von Dritte-Welt-Regisseuren etablierten (unter ihnen Guitérrez-Alea, Sembene, Chahine), während die Filmproduktion in der Vierten Welt am Boden lag. 

Literatur: Chanan, Michael: The Changing Geography of Third Cinema. In: Screen 38,4, 1997, S. 372-388.  – Gabriel, Teshome: Third Cinema as Guardian of Popular Memory: Towards a Third Aesthetics. In: Questions of Third Cinema. Ed. by Jim Pines und Paul Willemen. London: BFI Publishing 1989, S. 53-64. – Willemen, Paul: The Third Cinema Question: Notes and Reflections. In: Questions of Third Cinema. Ed. by Jim Pines und Paul Willemen. London: BFI Publishing 1989, S. 1-29.