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Ealing Comedies

Im Gegensatz zu Barr, der als Wesensmerkmal der Ealing-Komödien das Bild einer geeinten Nation und einer stabilen, auf Konsens verpflichteten Gemeinschaft sieht, betonen neuere Kritiker eher komplexe und heterogene Aspekte in der Darstellung Großbritanniens. In der Tat ist die These einer gattungsähnlichen Homogenität der Ealing Comedies problematisch. Wenn überhaupt eine Formel für die Ealing Comedies zutrifft, dann ist es Balcons Beschreibung der Nachkriegssituation, die nicht nur von dem Versuch geprägt war, materielle Nöte und die Klassenschranken der Vorkriegszeit zu überwinden, sondern dabei auch „eine milde Form der Anarchie“ zeigte. „Mild“ ist der anarchische Zug in den meisten Ealing-Komödien insofern, als nach einem kurzen Ausbruch aus den gewohnten Bahnen die meisten Figuren in die Normalität bürgerlichen Lebens zurückkehren.
Zu den bekanntesten Regisseuren gehören Charles Crichton, Alexander Mackendrick und Robert Hamer. Crichton, dessen Hue and Cry (1947) allgemein als erste Ealing-Komödie gilt, erlebte mit A Fish Called Wanda 1988 noch einmal unverhofften späten Ruhm. Mit The Lavender Hill Mob (1951), in dem ein kleiner Angestellter fast einen genialen kriminellen Coup schafft, und in The Titfield Thunderbolt (1953), der den Widerstand einer kleinen Gemeinde gegen die Schließung ihrer Eisenbahnlinie zum Thema hat, folgt Crichton durchaus dem dem Grundmuster der "milden" Anarchie. Eine andere Variante ist Passport to Pimlico (Henry Cornelius, 1949): Der Londoner Stadtteil Pimlico erklärt (zeitweise) seine Unabhängigkeit, nachdem aus obskuren Dokumenten hervorgeht, dass Pimlico zum Königreich Burgund gehört. In Mackendricks Whisky Galore! (1949) hingegen proben die Einwohner einer Hebrideninsel weit fort von London und der Zentralregierung vorübergehend den Aufstand.
Gar nicht so milde ist der ebenfalls 1949 produzierte Film Kind Hearts and Coronets (Robert Hamer): Der entfernte Verwandte einer versnobten Adelsfamilie mordet sich hoch bis zur Erbfolge, wobei er alle im Stammbaum vor ihm Berechtigten (alle acht brillant gespielt von Alec Guinness) auf immer wieder originelle Art und Weise beseitigt. Der Schluss lässt offen (nicht in der amerikanischen Version), ob er je für seine Taten bestraft werden wird. Dieses amoralische Vergnügen am Morden (als Kunstform, wie bei de Quincy), das ja auch der Zuschauer genüsslich betrachtet, macht Kind Hearts zu einem Musterbeispiel britischen schwarzen Humors.

Literatur: Ashby, Justine / Higson, Andrew (eds.): British Cinema, Past and Present. London/New York: Routledge 2000. – Street, Sarah: British National Cinema. London/New York: Routledge 1997.