Metainformationen zur Seite
  •  

Ebenen filmimmanenter Zeit

(1) Gattungsübergreifend kann vom Film als einemZeitmediumgesprochen werden: Seine konstitutiven Kodes, die im Bewegungsbild (und im Ton) zusammenlaufen, sind temporal fundiert; sie bündeln Informationen in zeitlich festgelegten Segmenten, die als Filmlänge oder -dauer angegeben werden und deren Extension wiederum in der Rezeption (am stetig vorwärtslaufenden Zeitfluss des Filmstreifens) nachvollzogen werden kann. ‚Ein Film läuft‘ bedeutet in dieser Hinsicht, dass ein Filmdatenträger durch ein Wiedergabegerät wiedergegeben die durch ihn gespeicherten Informationen in einer bestimmten Zeitspanne (der screen durationnach Bordwell) auf einer Bildfläche entfaltet. Gesprochen wird in diesem Fall gelegentlich auch von filmmedialer Zeit.

(2) Damit zusammen hängt die Differenzierung zwischen repräsentierenderund repräsentierter ZeitRepräsentierendeZeit bezeichnet die Dauer, die ein Film einnimmt, wenn er abgespielt wird; repräsentierteZeit dagegen meint die Eigenschaft des Films als modellbildendes System und die einhergehende Möglichkeit, unter anderem Zeit selbst darzustellen, ohne dass diese modulierte Zeit identisch oder deckungsgleich sein muss mit der repräsentierenden Zeit. Ein Film wie 2001: A Space Odyssey(1968, Stanley Kubrick) erzählt die Menschheitsgeschichte von ihren Anfängen bis weit in die Zukunft hinein; eine Folge hingegen der Netflix-Serie Black Mirror – Playtest(Erlebnishunger, USA 2011ff) genaugenommen nur den Bruchteil einer Sekunde. Der abstrakte Film und teils der Experimentalfilm tendieren hingegen dazu, Zeit überhaupt nicht darzustellen – dann entfällt die Ebene repräsentierter Zeit. Von solchen Fällen abgesehen, ist die repräsentierte Zeit im Film potenziell mehrdimensional und kann aus mehreren (sogar disparaten) Teilkomponenten zusammengesetzt sein. Ausformungen, die sich im Laufe der Filmgeschichte ergeben haben, sind mannigfaltig: Sie reichen von der Gestaltung pluraler Welten mit mehreren Zeitmodellen – wie in Interstellar(2014, Christopher Nolan) – bis hin zu Formen des von Deleuze beschriebenen „Zeit-Bildes“, wenn in einer Einstellung die gezeigte Gegenwart überlagert wird von der Vergangenheit oder der Zukunft. Gestaltbar ist mithin auch die Relationierung der Sphären repräsentierender und repräsentierter Zeit – sei es in offensiven Echtzeit-Filmen (wie Victoria, 2015, Sebastian Schipper) und anderen Formen von Zeitdeckung oder in den diversen Spielarten des Rückwärtslaufs oder Rückwärtserzählens.

(3) In narrativen filmischen Formen gehen beide Zeitebenen gattungsübergreifend (in Spielfilm, Werbespot, Musikvideoclip, Animationsfilm usw.) auf in Erzählzeitund erzählte Zeit, für deren möglichen Relationierungen ‚Ordnungen‘ die Filmnarratologie in Anlehnung an Genette und Souriau bereits ein Beschreibungsvokabular entwickelt hat. Zeit kann zusätzlich zum Umgang von Filmen mit Zeit als strukturierende und strukturierte Größe des Erzählens in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlicher Gewichtung thematisch relevant werden, etwa in Dokumentationen über die Entstehung des Universums und Einsteins Relativitätstheorie oder über die Schnelllebigkeit des zeitgenössischen Lebens, wenn experimentell-spielerisch die Vergänglichkeit allen Daseins vorgeführt wird oder auch dann, wenn im Superhelden-Film ein Countdown die verstreichende Zeit anzeigt, bis eine vom Bösewicht geplante Katastrophe eintritt.

Literatur: Bordwell, David: Narration in the Fiction Film. London: Methuen 1985. – Brössel, Stephan: Zeit und Film. ‚Zeitkreise‘ in Christopher Nolans Memento. In: Antonius Weixler & Lukas Werner (Hrsg.): Zeiten erzählen. Ansätze - Aspekte - Analysen. Berlin/Boston: de Gruyter 2015, S. 179-204. – Großklaus, Götz: Medien-Zeit. Medien-Raum. Zum Wandel der raumzeitlichen Wahrnehmung in der Moderne. Frankfurt: Suhrkamp 1995. 

Referenzen