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Emigration

Stoffliches Motiv in Spiel- und Dokumentarfilmen, in deren Zentrum die problematischen
Lebensbedingungen Emigrierender stehen: Das politische Klima zu Hause, Arbeitslosigkeit und Armut gehören zu den Gründen, die zur Emigration führen, und oft genug ist sie mit Verfolgung durch die Staatsgewalt und lebensgefährlicher Flucht verbunden. In den neuen, meist urbanen Lebensbedingungen, treten häufig Minoritätsprobleme, Kulturkontraste und bisweilen Jugendkriminalität in den Vordergrund, außerdem brechen familiäre und freundschaftliche Bindungen auseinander. Gelegentlich relativiert die (nicht immer freiwillige) Zugehörigkeit zu einer Subkultur oder einer Schicksalsgemeinschaft die Isolierung und Einsamkeit in der fremden Umgebung. Das Motiv kann in vielen Genres vorkommen, von rührseligen Melo- oder Familiendramen über nüchterne Milieu- und Quartierstudien bis hin zu beißenden politischen Satiren mit Anspruch auf Gesellschafts- oder Systemkritik. Zu den bekanntesten Emigrationsfilmen gehören Angst essen Seele auf (BRD 1973, Rainer Werner Fassbinder) und Le Thé au Harem d'Archimède (Frankreich 1985, Mehdi Charef); in den Filmen Ken Loachs werden mehrfach Emigranten-Schicksale behandelt (wie z.B. Carla‘s Song, Großbritannien 1996); In America (Irland/Großbritannien 2002, Jim Sheridan) erzählt die Geschichte einer irischen Familie, die in die USA auswandert und dort in Kontakt mit anderen Exilanten gerät.
Die Emigrantenfigur findet sich als Nebenfigur in zahlreichen Genres, oft Impulse der Realität aufnehmend. Erinnert sei an die russischen Emigranten, die nach der Oktoberrevolution in die Industriestaaten des Westens auswanderten und dort entweder in Armut lebten oder als Gauner und Hochstapler ein imaginäres Adelstum ausbeuteten, das sie zurückgelassen hatten. Allen diesen Figuren kommt aber das Charakteristikum des Andersseins zu, als Inkarnation ihrer Situation in der Fremde oder der Diaspora ebenso wie einer (oft melancholisch unterlegten) Rückerinnerung an die Tatsache der Emigration. Die von Emigranten selbst gedrehten Filme sind in der Regel einem Realismus verpflichtet, der sich durch spröde Härte und Lakonik, aber auch durch einen anklagenden Gestus auszeichnen kann. Für einige Traditionen, etwa das cinéma beur, ist das Thema der Emigration sogar konstitutives Element. Verwiesen sei auf Fernando Solanas‘ Film El exilio de Gardel: Tangos (Argentinien/Frankreich 1985).

Literatur: Berghahn, Daniela / Sternberg, Claudia (eds.): European cinema in motion. Migrant and diasporic film in contemporary Europe. Basingstoke [...]: Palgrave Macmillan 2010. – Meurer, Ulrich / Oikonomou, Maria (Hrsg.): Fremdbilder. Auswanderung und Exil im internationalen Kino. Bielefeld: transcript 2009. – Straumann, Barbara: Figurations of exile in Hitchcock and Nabokov. Edinburgh: Edinburgh University Press 2008.

Referenzen