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Erzählung / Narration

Unter Narrativik, Narratologie und Erzählforschung versteht man die Analyse und Typologie von Erzähltexten, d.h. von Geschichten, Alltagserzählungen, Märchen, literarischen Erzählgattungen usw. Narrative Strukturen sind die spezifischen Strukturen von Erzähltexten, die diese von anderen Arten des Mitteilens und der Mitteilung (Beschreibung, Argumentation, Überredung, Aufzählung, Ermahnung usw.) unterscheiden. Ein narrativer Textwird in einem formalen Sinne als eine miteinander verbundene, dem Prinzip von Ursache und Wirkung folgende Kette von Handlungen aufgefasst.
Der Film wird häufig als narratives Medium schlechthin angesehen: Bereits 1894 bestimmen Paul und Wells in einer Patentschrift das Wesen der Kinematographie als „Geschichten zu erzählen vermittels der Demonstration beweglicher Bilder“. Tatsächlich musste das erzählerische Potential des Films aber erst erkundet werden, vor allem durch die Entwicklung der Montage, die die filmischen Abbildungen narrativisiert, in einen Erzählfluss einbindet. Obwohl neben der dominanten filmischen Form des Spielfilms selbstverständlich andere Gattungen wie der Dokumentar-, Experimental- oder Essayfilm existieren, finden sich auch in diesen aber narrative Anteile: Ganz offensichtlich ist die narrative Organisation eine der mächtigsten und fundamentalsten Ordnungen der Information, für die Mitteilung ebenso wichtig wie für die Erinnerung.
Narration ist nicht substantiell, sondern prozessual zu verstehen, als kommunikativer Akt, in dem eine Geschichte entfaltet wird, deren Erschließung Aufgabe eines interpretierenden Zuschauers ist. Narration wird daher gelegentlich – z.B. bei Wuss – als Problemlöseprozess beschrieben: Der Erzähltext entwirft ein Möglichkeitsfeld, in dem sich der Zuschauer orientieren und nach Antworten auf textuell aufgeworfene Fragen suchen muss, um Hypothesen über den wahrscheinlichen Verlauf der Geschichte treffen zu können; Carroll beispielsweise spricht explizit vom „Frage-und-Antwort-Modell“ der Narration. Narration ist damit zugleich eine Aktivität, die das Wissen des Rezipienten und seine Eingeweihtheit in das Geschehen reguliert.
Gegenüber diesem umfassenden Konzept von „Narration“ wird in einigen Kontexten „Erzählen“ im Film eingeschränkt als Akt der verbalen Informationsvergabe zumeist durch Voice-Over oder mittels eines personalen, die Kamera direkt adressierenden Erzählers (so etwa in Sam Woods Our Town, USA 1940) aufgefasst.

Literatur: Bordwell, David (1985) Narration in the Fiction Film. Madison: Wisconsin University Press. – Branigan, Edward (1992) Narrative Comprehension and Film. London/New York: Routledge. – Chatman, Seymour (1978) Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film. Ithaca/London: Cornell University Press. – Thompson, Kristin (1994) Neoformalistische Filmanalyse. Ein Ansatz, viele Methoden. In: Montage/AV 4,1, S. 23-62. – Wuss, Peter (1993) Filmanalyse und Psychologie. Strukturen des Films im Wahrnehmungsprozeß. Berlin: Edition Sigma.

Referenzen