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ethnologischer Film

oft auch: ethnografischer Film, das ursprünglich andere methodische Interesse des volkskundlichen Films vernachlässigend

Als ethnologische Filme (mit Nähe zur visuellen Anthropologie als dokumentarischer Methode, zum Lehrfilm und zum Cinéma Vérité) werden nicht-fiktionale Filme bezeichnet, die die Lebenspraktiken fremder Völker, d.h. sozialen Beziehungen, Riten, Gebräuche und Mythen, religiösen Zeremonien, Künste, Techniken der Verarbeitung natürlicher Ressourcen, Landwirtschaft etc., mit wissenschaftlichem Anspruch aufzeichnen und darstellen. Ziel des ethnologischen Films ist die Abbildung, Beschreibung und Erklärung fremder Kulturen, ihrer Lebensbedingungen, Normen und Werte. Je nach Position des Autors wird der Kulturkontrast zu den westlichen technischen Zivilisationen betont. Eine Nähe zum humanitären Dokumentarfilm besteht dann, wenn das Anliegen bedrohter Ethnien (indigener Völker) auf Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen und ihre Schutzwürdigkeit betont werden.
Ethnologische Filme gibt es seit dem frühen 20. Jahrhundert, oft als Ergebnisse von Expeditionen; Robert Flahertys Eskino-Film Nanook of the North (USA 1922) oder Grass: A Nation's Battle for Life (USA 1925) von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack über die Bakhtiari-Nomaden im Iran seien als zwei Langfilm-Beispiele aus der Frühzeit der Gattung erwähnt. Zunächst vor allem für wissenschaftliche Zwecke hergestellt, kam es erst in den 1950er und 1960er Jahren zu einer breiteren öffentlichen Wahrnehmung dieser Spielart des Dokumentarfilms. Mehrere spezialisierte Festivals wurden 1959 gegründet (Festival dei Popoli in Florenz, Cinéma du Réel in Paris). Filmemacher wie Jean Rouch (Moi un noir, 1958), John Marshall (The Hunters, 1958) oder Robert Gardner (Dead Birds, 1963) gehörten zu den politischen und ästhetischen Neuen Wellen der frühen 1960er, ihre Filme, die sich immer auch mit der Frage der symbolischen Macht, die der Filmemacher ausübt, deren Reflexion und Infragestellung auseinandersetzten, wurden auch als Beiträge zum anti- und postkolonialistischen Dialog mit der Dritten Welt wahrgenommen – eine Thematik, die bis heute für die Gattung zentral geblieben ist (man denke etwa an die Arbeiten T. Minh-ha Trinhs wie Surname Viet Given Name Nam, USA 1989). Heute sind die Arbeiten von Filmemachern/Ethnologen wie David und Judith MacDougall (Turkana Conversations, 1980) oder Ivo Strecker (Süße Hirse, 1994; Sorge und Hoffnung im Angesicht der Dürre, 1994) vor allem im Fernsehen zu sehen, wenngleich Filme wie Die Geschichte vom weinenden Kamel (BRD 2003, Byambasuren Davaa, Luigi Falorni) über eine mongolische Nomadenfamilie auch im Kino ein ansehnlicher Erfolg gewesen sind.

Beispiele: U Podnschija Smerti (UdSSR 1928, Wladimir Schaiderow); Cannibal-Tours (Australien 1987, Dennis O'Rourke); Johanna d'Arc of Mongolia (BRD/Frankreich 1989, Ulrike Ottinger).

Literatur: Engelbrecht, Beate (ed.): Memories of the origins of ethnographic film. Frankfurt [...]: Lang 2007. – Heider, Karl G.: Ethnographic Film. Austin [...]: University of Texas Press 1976. – Working images. Visual research and representation in ethnography. Ed. by Sarah Pink, László Kürti and Ana Isabel Afonso. London [...]: Routledge 2004.

Referenzen