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Fetisch / Fetischismus II: erotischer Fetischismus

Von erheblicher Bedeutung ist die zweite, 1887 von Alfred Binet geprägte, Medizin und Psychologie betreffende Bedeutungsvariante des erotischen Fetischismus als ‚Verlagerung des sexuellen Ziels von Ganzen der Person auf einen Teil‘. Er ist eine sexuelle Neigung, bei der neben den Sexualzonen auch andere Teile des Körpers oder Gegenstände, die anderen Personen gehören, Erregung hervorrufen, die zu bevorzugten Objekten der Befriedigung werden und schließlich die Person ersetzen. Heutige Forschung beschränkt sich auf Fälle, in denen sexuelle Erfüllung ausschließlich auf dem Weg über den Fetisch bewerkstelligt werden kann.
Visueller Fetischismus äußert sich am Ende des 20. Jahrhunderts als Welt der großformatigen Hochglanz-Bildbände, der fetish girls in high heels, sündhaft teuren Dessous, Korsagen, in Lack, Leder, Gummi,Vinyl oder Cellophan, das Archiv der tätowierten Intimschmuckträgerinnen und piercing ladies als Objekte des lüsternen Blicks (gaze). Da allerdings die ältere psychologische Standardvorstellung vom beglückt masturbierenden Reizwäschedieb narrativ wenig ergiebig ist, kombiniert sich Fetischismus im Film gern mit sadomasochistischen Accessoires (Stachelhalsband, Fesseln, Handschellen, Knebel, Zaumzeug, Peitsche) zum Zwecke aktionsgeladenerer symbolischer Unterwerfungs-, Beherrschungs- und Erziehungsspiele. Die Kunst des polymorph Perversen als geschickte Gratwanderung zwischen Kinkie-Kunstfilm und S/M-Bondage-Pornographie zeigt als – wenngleich fürs Fernsehen gekürztes – interessantes Experiment im Dickicht bloßer Pornotrash- und Anime-Produktionen der Film Topâzu (aka: Tokio Nightlife aka: Tokyo Decadence, Japan 1992, Ryu Murakami). Viele exhibitionistisch veranlangte Fetischisten haben zudem auch den Wunsch, bei Sexspielen mit Gleichgesinnten gefilmt zu werden (film fetish). Auch die frühen Filme Pedro Almodóvars leben durch ihren ausgestellten – wenngleich harmlosen und liebenswerten – Fetischismus.
Unter bestimmtem Blickwinkel lassen sich die Marvel-Comic-Adaptionen wie Superman, Batman, Spider-Man und Daredevil als fetischistische Tagträume lesen, als Aus- und Festzeiten in Lack, Leder und Gummi.

Literatur: Bornemann, Ernest: Fetischismus. In: Ders., Lexikon der Liebe. Materialien zur Sexualwissenschaft. Wien: Hannibal 1984, S. 381-393. – Harris, Kenneth Marc: The film fetish. New York: P. Lang 1992 (New Connections, 8.). – Krips, Henry: Fetish: an erotics of culture. Ithaca, NY: Cornell University Press 1999. – Williams, Linda: Hard core: power, pleasure, and the "frenzy of the visible". Exp. ed. Berkeley/Los Angeles/London: University of California Press 1999.
 

Referenzen