Metainformationen zur Seite

Filmkritiker im Film

Die Reflexion des Kinos über ihre eigenen Schöpfer und Protagonisten der Produktionsbedingungen ist meist schonungslos. Obwohl die Filmkritik schon das frühe Kino, vor allem in der Tagespresse am Rande der Theaterkritik begleitet hat, treten Filmkritiker im Film eher selten auf. Häufiger werden im Sinne einer traditionellen mise en abymeandere Berufe aus dem Filmmilieu in Szene gesetzt, insbesondere Schauspieler, Regisseure oder – meist gescheiterte – Filmautoren und Drehbuchschreiber (mit Aufzeigen von Abhängigkeiten und fatalem Ausgang in Billy Wilders Sunset Boulevard, 1950) und der problematische Akt der Filmproduktion selbst (Truffaut, La nuit américaine, 1973), bis hin zu dem Making-of oder der Dokumentation eines Scheiterns wie in Lost in La Mancha, ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2002 von Keith Fulton und Louis Pepe über die jahrzehntelange bis dato gescheiterte Arbeit von Regisseur Terry Gilliam an seinem erst 2018 vollendetem Don-Quijote-Filmprojekt. Der Filmkritiker erscheint hier nur am Rande als Charge für ein gewisses, meist karikiert gezeichnetes Intellektuellenmilieu. Besonders charakteristisch wird die Zeichnung der Filmkritiker, wenn sie eine Schlagseite gegen die ideologischen Prämissen früherer Filmschulen erhält. So wendet sich Schlingensiefs erster Langfilm, Tunguska - die Kisten sind da(1983/84, 3. Teil der Trilogie zur Filmkritik - Film als Neurose), in seinem Vorspruch im Vorspann gegen die theoretischen Manifeste des Neuen Deutschen Films und das tradierte Erzählkino insgesamt. In Godards großer Kinoreflexion Le mépris(1963) wird die Partnerin des Drehbuchautors gleich zu dessen heftigsten Kritiker, noch bevor das bestellte Drehbuch vollendet ist, wobei es hier eher die Anbiederung des Autors (und gleichzeitig ihres Partners) an den Markt ist, die Anlass für die emotionale Abkühlung der krisenhaften Beziehung zwischen den beiden ist. In El Crítico(2013, Hernán Guerschuny) ist es der Filmkritiker selbst, der eine Liebesromanze erlebt, die er in den von ihm kritisierten konventionellen Filmen so verabscheut. Die Unmöglichkeit, tradierte Stoffe im Film überzeugend darzustellen, wird in diesem Film nur durch den selbstreflexiven Rahmen wieder möglich. Im Dokumentarfilm spielen Filmkritiker selten eine Rolle etwa in Lob ist schwerer als Tadel(2016, Wolfram Hannemann), einem Dokumentarfilm über Stuttgarts Filmkritiker, oder in Was heißt hier Ende?(2015, Dominik Graf), einem Porträt des Kritikers Michael Althen. 

Literatur: Hennig-Thurau, Thorsten / Marchand, André / Hiller, Barbara: The relationship between reviewer judgments and motion picture success: re-analysis and extension. In: Journal of Cultural Economics36,3, 2012, S. 249-283.