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Filmraum: Raumwahrnehmung

Die filmisch-fotografische Darstellung dreidimensionaler vorfilmischer Szenen in einem zweidimensionalen Abbild fußt auf elementaren Prinzipien der menschlichen Raumwahrnehmung: Die Abdeckung von Objekten durch andere Objekte ist einer der wichtigsten Raumindices. Auch das Wissen um Objektgrößen und Größenunterschiede von Objekten spielt in der Einschätzung der Raumverhältnisse eine wichtige Rolle. Die Einschätzung perspektivischer Relationen basiert z.B. wesentlich auf Objektwissen. Die Schärfe der verschiedenen Bildebenen und Unterschiede in der Oberflächentextur von Objekten sowie die Farbsättigung enthalten Hinweise auf die Raumlage, weil der Zuschauer um den Einfluss der Staubanteile in der Luft auf Schärfe weiß, aber auch, weil er ein Wissen über den Einfluss von Brennweiten und Blendenöffnungen auf die relative Tiefenzeichnung von Bildern hat. Neben dem Verhältnis von Licht und Schatten schließlich ist Bewegung ein primärer Raumindikator, wobei man Objekt- und Kamerabewegungen sowie Veränderungen der Brennweite zu unterscheiden hat.
Zwei verschiedene Dimensionen überlagern einander: Zum einen adaptiert der Film Raum-Merkmale, die auch in alltäglicher, nichtmedialisierter Wahrnehmung eine Rolle spielen (wie die Überdeckung von Objekten) und die an Objektwissen gebunden sind (wie das über die relative Größe von Objekten) oder auch an ein allgemeineres Wissen über die Wahrnehmungswelt (wie über die Tatsache, dass größere Entfernung zu Unschärfen der Kontur führt, was ursächlich mit den Staubanteilen in der Luft zusammenhängt); zum anderen kalkuliert die Liste mit einem Kamerawissen, das es gestattet, das Anschauungs-Bild rückzuübersetzen in einen vorfilmischen Raum (aus dem z.B. die relative Brennweite des Objektivs „herausgerechnet“ ist und in der die Kamerabewegung auf einen unterstellten vorfilmischen Raum hin abgebildet wird). 

Literatur: Bordwell, David: Narration in the fiction film. Madison: Wisconsin University Press 1985. – Winkler, Hartmut: Der filmische Raum und der Zuschauer. 'Apparatus' – Semantik – 'Ideology'. Heidelberg: Winter 1992. – Wulff, Hans J.: Mitteilen und Darstellen: Elemente einer Pragmasemiotik des Films. Tübingen: Narr 1999, S. 77-134.