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Gammlerfilm

auch: Komödie der Gammler

gammeln = „alt werden“, von niederdeutsch: gammelen

Der Reihenkuratierung entstammende Bezeichnung für Filme um den sich in den 1960ern herausbildende jugendlichen Sozialtypus des „Gammlers“, eine meist abwertend gebrauchte Sammelbezeichnung, die Langzeit‑Studenten und Hippies, Herumtreiber und Gammler, Leistungsverweigerer und Lebenskünstler unter dem gemeinsamen Rubrum der Verweigerung bürgerlicher Alltagsnormen und -werte zusammenfasste. Das in diesen Figuren spürbar werdende Lebensgefühl zwischen Hedonismus und Ermattung ist durchaus ein skeptischer Gegenentwurf gegen die BRD-Leistungsgesellschaft einerseits, den rigorosen Dogmatismus der Linken-Gruppen der Zeitandererseits. Der TV-Film Herbst der Gammler (1967, Peter Fleischmann) registriert die neu entstandene Subkultur aus der distanzierten Perspektive eines quasi‑ethnologischen Cinéma Vérité. Schnell adaptierte auch der Spielfilm den Sozialtypus, der in Schauspielern wie Werner Enke, Marquard Bohm oder Rolf Zacher auch personal besetzt wurde. Die improvisierten Lebensentwürfe korrespondieren mit einer improvisierten Inszenierungsweise: Das junge Kino ist schnell, unstet, nervös, skeptisch gegenüber klassischen Formen. In ihrem Raum‑ und Lebensweltverständnis betreten die Gammlerfilme buchstäblich Neuland. Insbesondere das hohe Maß an Mobilität sticht ins Auge: Autobahnen und Bahnhöfe bilden wiederkehrende Kulissen und verweisen auf ein Leben im permanenten Provisorium eines verstetigten Transits. Die Wohnstuben bürgerlicher Sesshaftigkeit weichen der lässlich eingerichteten Bude mit dem Bett – oft auch nur: der Matratze – als privilegiertem Aufenthaltsort. Den eigentlichen Ort des Geschehens bilden die Straßen des neu angeeigneten urbanen Raums, der Zufallsbegegnungen und rasche Ortswechsel gestattet und mit Cafés, Boutiquen und Clubs ebenfalls mehr und mehr auf Zwischennutzung setzt statt auf tatsächliche Behausung. Ganz nebenbei re‑kartografieren die Gammlerfilme die BRD: Schwabing in München („Schwabingkomödien“), Kreuzberg in Berlin, der Starclub in Hamburg bilden ein neues, loses Koordinatensystem. Mit den ausgehenden 1970ern verliert der Gammler seine Kontur, wird höchstens noch als stereotypisierte Repertoire-Figur geführt.

Filme: Zur Sache, Schätzchen (1968, May Spils); Quartett im Bett (1968, Ulrich Schamoni); Nicht fummeln, Liebling (1970, May Spils); Zu dumm zum... (1971, Henry van Lyck);  Chapeau Claque (1974, Ulrich Schamoni); Die Abfahrer (1978, Adolf Winkelmann); Der Casanova-Report (1981,Gruppe Arnold Hau).

Literatur: Kalb, Martin: Coming of age. Youth and juvenile delinquency in Munich, 1942‑1973. New York: Berghahn Books 2016. Darin bes. Kap. 5: Constructing the Student and the Gammler. – Kosel, Margret: Gammler, Beatniks, Provos: Die schleichende Revolution. Frankfurt: Bärmeier & Nikel 1967. – Stoff, Heiko: „Ungeheuer schlaff“. Der Film Zur Sache, Schätzchen (1968): Über Leistungsdenken und Gedankenspiele. In: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History, 11,3, 2014, S. 500‑507. Auch online.