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Garçonne

abgeleitet von frz.: garçon (= Junge); frz.-umgangssprachlich für (junge) Junggesellin; auch: knabenhaft wirkende Frau; als garçonne (ohne Plural) auch als Bezeichnung eines weiblichen Kleidungsstils (etwa: „knabenhafte Mode“) um 1925 und um 1950

Vergleichbar der Figur der Flapper im Milieu amerikanischer Großstädte entstand auch in Europa ein urbaner Typ jugendlicher Weiblichkeit, der äußerlich vor allem aus der Vermännlichung weiblicher Kleidung lesbar war. Der Typus der „neuen Frau“ aus dem Paris und Berlin der 1920er inszenierte sich als im Dienstleistungssektor arbeitend, relativ wohlhabend und konsum- und genussorientiert. Inszenierte Androgynität war eines der diskursiven Tiefenthemen, das zugleich Öffnungen zu latent oder offen ausgelebter lesbischer Sexualität vorbereitete: Die Garçonne wurde vielfach gelesen als Ausdruck einer sich radikal verändernden Kultur der Geschlechterrollen und einer Neubewertung sexueller Normen und Genussformen, die von konservativen Kritiken aber schon in den 1920ern als Degeneration und Verfall der rassischen Verpflichtung der Frauen zur Reproduktion interpretiert wurde und in Deutschland bereits in den frühen 1930ern im öffentlichen Erscheinungsbild Berlins zurückging. Marlene Dietrich (als eine der bekanntesten „neuen Frauen“ der Zeit) emigrierte bereits 1930 nach Hollywood. Filme wie Die Büchse der Pandora (1929, Georg Wilhelm Pabst), Der blaue Engel (1930, Josef von Sternberg), Mädchen in Uniform (1931, Léontine Sagan, Carl Froelich) oder der in Hollywood entstandene Morocco (1931, Josef von Sternberg) gelten heute als Filme, in denen die Garçonne tragende weibliche Rollen spielte.

Die Bezeichnung Garçonne wurde populär durch einen Roman von Victor Margueritte (1922; dt. Übers.: La garçonne. Sittenroman aus dem heutigen Paris . Berlin: Ehrlich 1923), der mehrfach verfilmt wurde (u.a. 1936 von Jean de Limur, mit Marie Bell, Arletty und Edith Piaf).

Literatur: Halberstam, Judith: Female Masculinity . Durham: Duke University Press 2014. – Dost, Julia: La Garçonne. Wandlungen einer literarischen Figur . Göttingen: Wallstein-Verlag 2003, bes. 181-199. – Sutton, Katie: The Masculine Woman in Weimar Germany . New York/Oxford: Berghahn Books 2011. – Frame, Lynne: „Gretchen, Girl, Garconne“? Weimar Science and Popular Culture in Search of the Ideal New Woman. In: Katharina von Ankum (ed.): Women in the Metropolis: Gender and Modernity in Weimar Culture . Berkeley/Los Angeles: University of California Press 1997, S. 12-40 (der Titel nimmt Bezug auf: MG: Drei Frauen stehen heute vor uns. Die drei Typen: Gretchen, Girl, Garconne. In: 8-Uhr-Abendblatt [Berlin], 4.6.1927).

Referenzen