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Geisterfilm / Gespensterfilm I: Phänomenologie

Geist ist die dt. Übersetzung von lat. spiritus (griech. pneuma) ‚Lufthauch, Lebenshauch, Seele‘ und hängt zusammen mit indoeurop. *gheis- ‚erregt, aufgebracht, bestürzt, erschreckt sein‘. Von dort seit dem Mittelhochdeutschen die hier relevante Bedeutung ‚Gespenst, Erscheinung, übersinnliches Wesen‘, engl. spirit, apparition, spectre, ghost, humorvoll auch spook. Ein Gespenst ist eigentlich das, was jemanden wegzieht oder weglockt (nach einem verloren gegangenen ahd. Verb spanan, mhd. spanen ‚locken, reizen‘): ‚Anlockung, Verführung, Eingebung‘, von dort ‚Spukgestalt, Phantom, Geist‘.

In der westlichen populären Kultur ist der Glaube (bzw. ‚Aberglaube‘) an eine eigenständige, zumeist unkörperliche Existenzform der Totenseelen tief verwurzelt und findet immer wieder modernisierte Formen der Tradierung (vgl. die sog. urban legends, dazu auch Wilson 1997). Geister/Gespenster sind im Volksglauben die Seelen Verstorbener, die sich als schwebend-durchscheinende, nebelhaft-ektoplasmatische Kopien der Toten temporär unter den Lebenden aufhalten oder aber, wie die Blut trinkenden Vampire, ihren Zustand im Tag-Nacht-Rhythmus wechseln können. Sie können mächtig und böse sein oder schwach, freundlich und hilfreich. Manchmal suchen sie selbst Hilfe und können sogar Liebesbeziehungen aufnehmen (The Ghost and Mrs. Muir, 1947, Joseph L. Mankiewicz). Der moderne nicht-spukende Geist allerdings ist phänotypisch gar nicht so einfach vom lebenden Menschen zu unterscheiden und tritt bei der Suche nach Selbstfindung auch durchaus aktiv handelnd in dessen Leben (The Sixth Sense, 1999, M. Night Shyamalan).
Das Anliegen frühneuzeitlicher puritanischer Eiferer, alle Geister zu verteufeln und zu schädlichen Dämonen zu erklären, konnte nie vollständig durchgesetzt werden, spiegelt sich aber bis heute in der engen Nachbarschaft von Geisterfilm zu Dämonen- und Exorzistenfilm angelsächsischer Provenienz. 

Literatur: Hurst, Matthias: Im Spannungsfeld der Aufklärung. Von Schillers "Geisterseher" zur TV-Serie "The x-files". Rationalismus und Irrationalismus in Literatur, Film und Fernsehen 1789-1999. Heidelberg: Winter 2001 (Neues Forum für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, 13.). – Mayer, Gerhard: Risse im Alltäglichen. Die Rezeption okkulter Darstellungen in Filmen. Frankfurt [etc.]: Lang 2000 (Europäische Hochschulschriften. 6,655.). – Wilson, Michael: Performance and practice: oral narrative traditions among teenagers in Britain and Ireland. Aldershot, Hants./ Brookfield, VT: Ashgate 1997.
 

Referenzen