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Genozid

Die zahlreichen Völkermorde des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts haben auch im Film vielfache  Bemühungen ausgelöst, dramatische und ästhetische Formen der Thematisierung zu finden. Der Genozid ist eine Filmthematik, die in engster Nachbarschaft zum Rassismus steht. Fast immer sind die Filme bezogen auf historische Völkermorde (im SF-Film finden sich zahlreiche weitere Beispiele, in denen der Völkermord immer Ausdruck der Herrschaft rassistischer und totalitärer Regime ist). Von zentraler Bedeutung ist natürlich der Holocaust während der Nazizeit. Doch auch der Massenmord an der aserbeidschanischen Bevölkrerung in der Türkei während des ersten Weltkrieges (etwa in Aghet - Ein Völkermord, Deutschland 2010, Erik Fiedler), der Vernichtungskrieg gegen die nord- und südamerikanischen Indianer (wie in Soldier Blue, USA 1969, Ralph Nelson, oder  Little Big Man, USA 1970, Arthur Penn), die Blutbäder in Ruanda in den 1990er Jahren (wie z.B. Hotel Ruanda, Großbitannien [...] 2004, Terry George), die ethnischen Säuberungen im Sudan (etwa in The Devil Came on Horseback, USA 2007, Ricki Stern, Anne Sundberg) oder in den Jugoslawien-Kriegen (wie in den Srebrenica-Filmen A Cry from the Grave, Großbritannien 1999, Leslie Woodhead, oder dem fiktionalen Warriors, Großbritannien 1999, Peter Kosminsky), der politisch motivierte Massenmord an der Bevölkerung Kambodschas (etwa in The Killing Fields, Großbritannien 1983, Roland Joffe) oder auch die Vernichtungskriegen gegen die kurdische Bevölkerung im Iran (etwa in Sertschawan – Bei meinen Augen, Deutschland 1993, Beatrice Michel Leuthold, Hans Stürm) gehören zum Korpus.
Die fiktionalen Filme erzählen ihre Geschichten meist aus der Perspektive von Opfern oder Helfern. Tätergeschichten sind bis heute äußerst selten geblieben. Die Thematik ist in einem breiten Spektrum  an Gattungen und Genres verarbeitet worden. Dies kann vom humanitären Dokumentarfilm über die historische Rekonstruktion bis hin zum Justizdrama und zum (Anti-)Kriegsfilm reichen. Neben mehr oder weniger einfühlsamen Darstellungen von Seiten der Außenstehenden stehen Selbstdarstellungen der Betroffenen.
Die Thematisierung des Genozids in den westlichen Filmindustrien setzt erst in den 1950er und 1960er Jahren ein, steht offenbar in engem Zusammenhang mit der Auflösung der Kolonialreiche, der Politisierung öffentlichen Bewusstseins wie aber auch mit der Etablierung eines internationalen Strafrechts. Die wenigen literarischen Darstellungen (wie z.B. Gustav Frenssens „Feldzugsbericht“ über den Herero-Aufstand Peter Moors Fahrt nach Südwest, 1906) sind filmisch nicht adaptiert worden.

Literatur: MacKenzie, Scott: Lists and chain letters: ethnic cleansing, Holocaust allegories and the limits of representation. In: Canadian Journal of Film Studies 9,2, 2000, S. 23-42. – Reichart-Burikukiye, Christiane: Der Völkermord auf der Leinwand: Hotel Ruanda und Sometimes in April und die Erinnerung an den Genozid in Ruanda. In: Film and Cultural Memory / Film und kulturelle Erinnerung. Plurimediale Konstellationen. Hrsg. v. Astrid Erll [...]. Berlin/New York: de Gruyter 2008, S. 77-106. – Sémelin, Jacques: Toward a vocabulary of massacre and genocide. In: Journal of Genocide Research 5, 2003, S. 193-210.

Referenzen