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geschlossene und offene Form

Von Heinrich Wölfflin 1915 als eines von fünf kunstgeschichtlichen Grundbegriffspaaren eingesetzt, fand die Unterscheidung in geschlossene und offene Form insbesondere in der Dramaturgie und der Dramentheorie Anwendung. Die geschlossene Form bezeichnet einen linearen und nach Richtlinien der Kausalität funktionierenden Aufbau der Handlung mit Anfang, Mitte und Schluss. Sie findet sich in Dramaturgien wie der des Aristoteles, vor allem aber bei Gustav Freytag und dessen Fünf-Akt-Pyramidenschema. Das französische klassische Drama eines Racine und Corneille entspricht in besonders strenger Weise der geschlossenen Form. Im Film findet sich die geschlossene Form par excellence in weiten Teilen des klassischen Hollywood-Kinos.
Volker Klotz hat in seiner literaturwissenschaftlichen Abhandlung im Unterschied zur geschlossenen die offene Form als das „Ganze in Ausschnitten“ bezeichnet und damit das Fragmentarische betont, wie es sich insbesondere in Georg Büchners Drama Woyzeck finde, das allerdings vom Autor unabgeschlossen hinterlassen wurde. Als bislang wichtigste Theorie der offenen Form, die auch auf mehrere Künste resp. Medien angewandt werden kann, gilt die Umberto Ecos. Er spricht vom „Kunstwerk in Bewegung“, dem Rezipienten werde ein zu vollendendes Werk geboten. Eco integrierte auch den Film in seine Überlegungen. Die Offenheit in Michelangelo Antonionis L'avventura (1960) sah er in dessen Zufalls-Inszenierung, einem „Geflecht von tatsächlichen Möglichkeiten“. Offenheit im Film bedeutet demzufolge nicht nur, dass von einem offenen Ende Gebrauch gemacht wird, sondern meint radikale Abweichungen von struktureller Geschlossenheit auch im Verlauf, die eine starke Akzentuierung von Kontingenzerfahrungen implizieren. Das moderne Kino seit den 1950er Jahren weist viele Merkmale der offenen Form auf, die Deleuze, nur bedingt nachvollziehbar, als neue Bildtypen herausgestellt hat. Eine offene Form, die auf Minimalismus und ästhetischer Unvollkommenheit basierte, praktizierte der US-amerikanische Regisseur John Cassavetes in Filmen wie Shadows (1957/59) und Faces (1968), bei dem sich Offenheit als komplexe Umsetzung von Kontingenz auf alle Produktionsprozesse erstreckte.
Mit einer augenzwinkernden Beschreibung der offenen Form im Film hat Jean-Luc Godard aufgewartet: Jede Geschichte habe einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Literatur: Klotz, Volker: Geschlossene und offene Form im Drama. 14. Aufl. München: Hanser 1999.  Zuerst 1960. – Eco, Umberto: Das offene Kunstwerk. Frankfurt: Suhrkamp 1977. Orig:. Opera aperta. Forma e indeterminazione nelle poetiche contemporanee. Mailand 1962. – Christen, Thomas: Das Ende im Spielfilm. Vom klassischen Hollywood zu Antonionis offenen Formen. Marburg: Schüren 2002. – Klein, Thomas: So viel Verwirrung wie möglich stiften: John Cassavetes. In Grob, Norbert [...] (Hrsg.): Kino des Minimalismus. Mainz: Bender 2009, S. 116-127. – Wuss, Peter: Die Tiefenstruktur des Filmkunstwerks. Zur Analyse von Spielfilmen mit offener Komposition. 2. Aufl. Berlin: Henschel 1990.