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global village

Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan benannte mit dieser Formel in den späten 1960er Jahren die Zukunft der Mediengesellschaft: Die elektronischen Medien würden Räume, Abstände, Entfernungen zum Verschwinden bringen, die Welt werde implodieren, werde kommunikations- und informationstechnisch ein Dorf. Elektronische Vernetzungen ermöglichten spontane, instantane Schaltungen und Verbindungen, den freien und schnellen Zugriff auf Informationen. Die kulturelle Veränderung auf Grund dieser neuen Kommunikationsstrukturen sah McLuhan vor allem darin, dass Logik und Linearität, Individualismus, Hierarchie und Schwerfälligkeit der Buchdruck-Kultur durchbrochen würden und eine Weltgemeinschaft mit völlig neuen Bedeutungs- und Wahrnehmungsinhalten entstehen könnte, in der Einfühlungsvermögen und Erlebnistiefe vorherrschten.
Diese Zuschreibungen werden nur erklärlich, wenn man einerseits McLuhans Einteilung in heiße und kalte Medien und andererseits den Einfluss der Schriften von Lewis Mumford mitbedenkt. Dieser hatte 1934 in seiner bannbrechenden Technikuntersuchung („Technics and Civilisation“, New York) der Mechanik die Elektrizität diametral entgegengestellt. Mumford sah bereits zu dieser Zeit mit Hilfe von Telefon und Telegraf eine weltweite, instantane Kommunikation ermöglicht und war mit seinen Beschreibungen einer vernetzten Welt der berühmten Metapher McLuhans sehr nahe.

Die Hoffnungen, die McLuhans in die neuen Medien gesetzt hatte, finden sich heute in Schriften aktuellerer Medientheoretiker bezogen auf das Universalmedium „Computer“ wieder (wie Sherry Turkles „Life on the screen“ oder Derrick de Kerckhoves „Schriftgeburten“). Heute wird der Begriff vor allem im Zusammenhang mit dem Internet, dem world wide web gebraucht, welches als Sinnbild einer globalisierten Kommunikation fungiert. McLuhans Prognose, dass die Welt aus kommunikationstechnischer Sicht klein werden würde, hat sich eingelöst, wenn auch die Metapher vom globalen Dorf insofern problematisch ist, als mit dem Topos ein räumlicher Handlungszusammenhang suggeriert wird, der in der elektronischen Kommunikation nicht existent ist.

Literatur: McLuhan, Marshall: Understanding of Media. The Extensions of Man. New York: New American Library 1964; New York: McGraw-Hill 1964; London: Routledge Kegan Paul 1964; London: Sphere Books 1967; krit. Ausg.: Corte Madera, Cal.: Gingko Press 2003. Dt. als: Die magischen Kanäle = Understanding Media. Düsseldorf/Wien: Econ 1968, 1992; Frankfurt: Fischer 1970; Dresden: Verlag der Kunst 1994; 2., erw. Aufl. Basel: Verlag der Kunst 1995. – McLuhan, Marshall: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Düsseldorf /Wien: Econ 1968. Repr. Bonn/Paris: Addison-Wesley 1995. Zuerst engl.: The Gutenberg galaxy. Toronto: University of Toronto Press 1962. – Spahr, Angela: Magische Kanäle - Marshall McLuhan. In: Kloock, Daniela / Spahr, Angela: Medientheorien – eine Einführung. München: Fink 2000, S. 39-77.