Metainformationen zur Seite

Gutenberg-Galaxis

Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan geht in seinen medientheoretischen Überlegungen von drei grundsätzlichen Prämissen aus. (1) Die Geschichte lässt sich in vier Epochen einteilen: die orale Stammeskultur, die literale Manuskript-Kultur, das typographische und das elektronische Zeitalter. (2) Jede Epoche ist durch das sie jeweils bestimmende Kommunikations- und Informationsmedium (prä-)formiert, figuriert und strukturiert. (3) Bestimmten Medien sind ganz bestimmte Charakteristika inhärent. Die dieser Prämisse inhärente geschichtsphilosophische These, dass die Organisationsstrukturen des gesellschaftlichen Lebens von den Strukturen der Kommunikationsmittel determiniert seien (und nicht umgekehrt), exemplifiziert McLuhan am Beispiel des „typographischen Zeitalters“, der sogenannten Gutenberg-Galaxis, dem eine (reduktionistische) Logik zugeschrieben wird, eine Vereinfachung und Reduzierung der Wahrnehmungs- und Denkweisen im Sinne von Linearität, Kausalität und Sequenzialität, eine Mentalität, die der der mechanischen Apparaturen entspricht. Diese funktionieren nach dem Prinzip Zerteilung, Uniformierung, Standardisierung, Beschleunigung und Reproduktion. McLuhan konstatiert als Fazit der Buchdruckkultur außerdem eine nachhaltige Trennung von Gefühl und Verstand, darüber hinausgehend auch die Herausbildung jeweiliger Nationalsprachen (Einführung einer feststehenden Grammatik und Orthographie) und -Staaten und die Entstehung dessen, was „Individualismus“ genannt wird. Auch die Errungenschaften der Französischen Revolution sind aus der Sicht McLuhans Effekte des Buchdrucks. Die Gutenberg-Galaxis endet mit dem Aufkommen der Elektrizität, der medialen Grundlage des „global village“.
McLuhans These ist außerordentlich stimulierend gewesen – Neil Postman und Joshua Meyrowitz ließen sich von McLuhan inspirieren, in Frankreich berufen sich unter anderem Jean Baudrillard und Paul Virilio auf ihn, und für die Rezeption in Deutschland seien Friedrich A. Kittler und Norbert Bolz erwähnt. 

Literatur: Bolz, Norbert: Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse. München: Fink 1993. – Eisenstein, Elizabeth L.: Die Druckerpresse. Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa. Wien/New York: Springer 1997. – Giesecke, Michael: Sinnenwandel, Sprachwandel, Kulturwandel – Studien zur Vorgeschichte der Informationsgesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp 1991. – Ds.: Der Buchdruck der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt: Suhrkamp 1991. – MacLuhan, Marshall: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Düsseldorf /Wien: Econ 1968. Repr. Bonn/Paris: Addison-Wesley 1995. Zuerst engl.: The Gutenberg galaxy. Toronto: University of Toronto Press 1962.
 

Referenzen