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Icherzählung im Film

Analog zur Literaturwissenschaft gefasster narratologischer Begriff. Grundsätzlich fällt es dem Spielfilm schwer, eine eigentliche Ichperspektive zu verwirklichen, weil er – wie das Drama, aber im Unterschied zum Roman – nicht über eine persönliche Erzählinstanz verfügt, die von einer Ichfigur eingenommen werden könnte. Konsequenterweise behilft er sich mit Annäherungen, die stellenweise vorgenommen werden und in ihrer Gesamtheit dem Film den Charakter einer Icherzählung verleihen. Man verfährt über eine Ichstimme, die sich als Voice-Over ab und zu über die Bilder legt, oder arbeitet verstärkt mit subjektiver Kamera (Lady in the Lake, 1947, Robert Montgomery); gelegentlich ist die Icherzählung auch als Buchschreiben-im-Film eingebettet und als Voice-Over ausgeführt (wie in Truffauts L‘Homme qui aimait les femmes, 1977). Solche filmischen Icherzählungen sind durchaus gängig und kommen in den unterschiedlichsten Genres vor. Der literarischen Icherzählung vergleichbare „absolute Ichfilme“ sind dagegen äußerst selten; sie müssten von einem (fiktionalen) Filmemacher gedreht zu sein scheinen, auf dessen Konto die gesamte filmische Artikulation ginge. Absolute Ichfilme sind daher in der Regel experimenteller Natur. David Holzman’s Diary von James McBride (1967), eine im Stil des cinéma verité gedrehte Persiflage, in der ein von einem Schauspieler verkörperter Filmemacher eine Art filmisches Tagebuch erstellt und dabei meist die Kamera auf sich selbst richtet, oder Ross McElwees Sherman‘s March (1980), der mit der Kamera die Route bereist, auf der die Armee Shermans im Sezessionskrieg marodierend durch den Süden zog, und zugleich autobiografische Stationen besucht, sind zwei der raren Beispiele.

Literatur: Brinckmann, Christine Noll: Ichfilm und Ichroman. In ihrem: Die anthropomorphe Kamera und andere Schriften zur filmischen Narration. Zürich: Chronos 1998, S. 82-113. Zuerst in: Alfred Weber, Bettina Friedl (Hg.): Film und Literatur in Amerika. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1988, S. 65-95.

Referenzen