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Implizierter Autor

Der von Wayne C. Booth geprägte ursprünglich literaturwissenschaftliche Begriff wurde v.a. von Seymour Chatman für die Filmwissenschaft nutzbar gemacht. Der implizierte Autor ist die während der Rezeption hypostasierte Quelle eines Textes. Er ist weder mit dem empirischen Autor noch mit dem Erzähler gleichzusetzen. Im Gegensatz zu letzterem ist er nicht die „Stimme“ des Textes, vielmehr setzt der implizierte Autor den Erzähler als Stimme ein, als Teil der von ihm geschaffenen Bedeutungsstruktur, die nicht nur die Oberfläche des Textes, sondern auch dessen Konnotationen und Implikationen umfasst. Offenkundig wird die Differenz zwischen Erzähler und impliziertem Autor in ironischen Ich-Erzählungen, in denen die Bedeutungsstruktur der Haltung und den Äußerungen des Erzählers widerspricht.
Die Unterscheidung von impliziertem und empirischem Autor leugnet nicht, dass ein Text Absichten einer realen Person realisiert, sie bestreitet nur, dass der Rezipient mit dieser in direkter Kommunikation stünde und diese Absichten ohne weiteres rekonstruieren könne. Dass die Unterscheidung sinnvoll ist, wird bei der Anwendung des Konzepts auf Filme besonders deutlich: Von einem ganzen Stab Personen produziert, werden sie in der Rezeption dennoch als Werke empfunden, die von einer singulären Informationsquelle hervorgebracht und einer bestimmten Intention zusammengehalten werden. So kann man von einem „Kubrick-Film“ reden, ohne den Film als originäre Schöpfung eines Einzelnen oder gar als Spiegel von dessen Innenleben zu verstehen: Vielmehr benennt man mit dem Regisseursnamen eine in verschiedenen Filmen wiedererkennbare, motivierte Bündelung bestimmter formaler, stilistischer und inhaltlicher Merkmale, kurz: den implizierten Autor.

Literatur: Wayne C. Booth: Die Rhetorik der Erzählkunst. Heidelberg: Quele & Meyer 1974. – Seymour Chatman: Coming To Terms. The Rhetoric of Narrative in Fiction and Film. New York: Cornell University Press 1990, S. 74-108.