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Ironie: dramatische Ironie

auch: Fiktionsironie, strukturelle Ironie, ‚Ironie des Schicksals‘

Dramatische Ironie wirkt durch eine dramaturgisch genutzte Differenz zwischen Situationsbeschreibung und ihrer Bewertung und besteht in dem Ingangsetzen eines Informationsgefälles zwischen dem Mehrwissen der Zuschauer und dem Minderwissen des oder der Protagonisten, das häufig noch durch entsprechende Dialoganteile unüberhörbar zum Ausdruck gebracht wird.
Das nicht unerhebliche Rezeptionsvergnügen, das entsteht, wenn die Zuschauer mehr über mögliche Komplikationen und Gefahren im Fortgang der Handlung wissen als der Protagonist, wird gerade in suspense-betonenden Filmen gern benutzt, z.B. wenn der mehr-wissende empathiefähige Zuschauer befürchten muss, dass dem Protagonisten durch ein Informationsdefizit Schaden entstehen wird. So im Horrorfilm – insbesondere im Teenie-Horror –, wenn den Zuschauern bekannt ist, wo das Böse wohnt oder das Monster wartet, die arglosen Protagonisten und gerade die tatsächlich schadensbedrohten Nebenpersonen aber eben nicht. Ein bedeutender Regisseur wie Alfred Hitchcock hat sich häufig auf das Konzept verlassen (bereits sein Film The Thirty-Nine Steps von 1935 arbeitet äußerst effektiv mit dramatischer Ironie). Zusätzliche Informationen für den Zuschauer können etwa durch Voice-Over-Erzählungen oder protentive Handlungen (planting) vergeben werden.
Eine besondere Wendung mit Identifikationsmöglichkeiten für den Zuschauer bekommt die dramatische Ironie, wenn Figuren, die im Film eine komische Rolle innehaben oder als ‚weise Narren‘ fungieren (z.B. die weiblichen comic sidekicks Ida Corwin in Michael Curtiz' Mildred Pierce, 1945, oder Stella in Alfred Hitchcocks Rear Window, 1954) in geradezu subtextueller Verwendung dasjenige aussprechen, was der Zuschauer längst weiß oder zumindest ahnt, nicht dagegen die handelnden Personen.

Literatur: Corcos, Christine Alice: Presuming innocence: Alan Pakula and Scott Turow take on the great American legal fiction. [Zu Presumed Innocent, 1990, Alan J. Pakula.] In: Oklahoma City University Law Review 22,1, 1997, S. 129-166 [online: http://tarlton.law.utexas.edu/lpop/etext/okla/corcos22.htm]. – Roth-Lindberg, Örjan: Skuggan av ett leende: om filmisk ironi och den ironiska berättelsen. Stockholm: Fischer 1995 (Filmvetenskapligt bibliotek, 2.) [mit engl. Zusammenfassung]. – Sedgewick, Garnett Gladwin: Of irony, especially in drama. Toronto: Univ. of Toronto Press 1935; 3rd ed. Vancouver: Ronsdale Press 2003.