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Kannibalismus

Kannibalismus (auch: Anthropophagismus) als kulturanthropologisches Phänomen bezeichnet die Praxis, tote Feinde oder Stammes- und Familienangehörige rituell zu verzehren, um deren Geist oder Stärke in sich aufzunehmen. Als Motiv der Kunst taucht Anthropophagie bereits in Homers Odyssee auf (8. Gesang, Vers 285ff). Der Begriff „Kannibale“ stammt allerdings von den Entdeckungsreisen Kolumbus‘ in die Karibik (aus dem als Menschenfresser charakterisierten Stamm der „Caribes“ wurden nach handschriftlichen Übertragungen zunächst die „Cannibes“ und dann die „Cannibales“). Ab dem Hochmittelalter taucht das Motiv zumeist im Zusammenhang mit Reiseberichten und -illustrationen auf.
Die lange Geschichte des filmischen Kannibalismus, die als „Kannibalenfilm“ sogar genreartige Formalisierungen angenommen hat, mündet seit dem Erstauftritt des intellektuellen Anthropophagen Hannibal Lecter in Jonathan Demmes The Silence of the Lambs (USA 1991) auch in den Mainstream-Film ein. Neben zwei Fortsetzungen (Hannibal, USA 2001, und Red Dragon, USA 2002) taucht das Motiv vor allem in jüngeren Serienmörderfilmen auf (Ed Gein, USA 2000, oder Dahmer, USA 2002).
Daneben hat es vor allem in zwei Motivkontexten seine Anwendung gefunden, die den Verzehr von Menschen nicht als Quelle von Schreck- oder Ekel-Reaktionen einsetzen, sondern auch als Mittel für schwarzen Humor sowie als authentisches Thema. Wenn in Jon Avnets Fried Green Tomatoes (1991) die Frauen am Ende offenbar ihren Widersacher zu Grillfleisch verarbeitet haben, für dessen Würzigkeit und Wohlgeschmack sie bekannt sind, entsteht eine ähnlich zynisch-ironische Überlegenheit der ehemaligen Opfer wie in Peter Greenaways The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover (1989). Der Symbolismus derartiger Ende-Formeln ist greifbar, ebenso ihr Horizont von Subversion und Surrealismus. Das Motiv des Kannibalismus wird gelegentlich auch in Filmen verwendet, die von Not- und Extremsituationen und ihren moralisch-ethischen Konflikten erzählen, wie z.B. Alive (USA 1992, Frank Marshall), ein Katastrophenfilm, der – nach einer wahren Begebenheit – einen Fall von Kannibalismus berichtet, wie er sich 1972 bei dem Flugzeugabsturz einer Rugbymannschaft in den unwirtlichen chilenischen Anden ereignet hat.

Literatur: Fulda, Daniel / Pape, Walter (Hrsg.): Das Andere Essen. Kannibalismus als Motiv und Metapher in der Literatur. Freiburg i. Br.: Rombach 2001 (Litterae. 70.). – Brinckmann, Christine N.: Unsägliche Genüsse. In: Montage/AV 10,2, 2001, S. 76-94. – Brottman, Mikita: Meat is Murder. An Illustrated Guide to Cannibal Culture. London: Creation 1997.

Referenzen