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Krieg und Kino

Der Titel eines 1986 in Deutschland erschienenen Buches des französischen Urbanisten, Medien- und Geschwindigkeitstheoretikers Paul Virilio wurde schnell zum modischen Schlagwort, unter dem sich Medienkritik als Kritik an einer latenten Aggressivität der medialen Techniken und ihrer Darstellungsformen formieren konnte. Virilio hatte sich explizit mit dem Zusammenhang von film- und militärtechnischen Entwicklungen beschäftigt und behauptet, jedwede medientechnische Entwicklung habe ihren Ursprung in Militär- und Kriegstechnologie. Die Foto- und Filmkameras seien ein Zusammenspiel von Prothesen, eine Fusion aus Auge, Motor und Waffe. Kittler spricht von drei Phasen der Medienentwicklung: In der ersten Phase – seit dem amerikanischen Bürgerkrieg – entstanden die Speichertechniken, in der zweiten – seit dem Ersten Weltkrieg – verbreiteten sich Übertragungstechniken wie Radio und Fernsehen und in der dritten – seit dem Zweiten Weltkrieg – entwickelte sich die Technik der „Berechenbarkeit überhaupt“ mit dem Computer. Aus der intimen Verbindung militärischer Interessen und technologischer Entwicklung von Medien ergäben sich – Virilio folgend – ästhetische Erfahrungsweisen, die nicht mehr raumgebunden sind, sondern einen neuen Geschwindigkeits- und Wahrnehmungsmodus hervorbringen. Aufgabe des Medientheoretikers ist es wiederum nach Virilios Vorgabe, diese medientechnisch induzierten Wahrnehmungsveränderungen und ihre politischen und kulturellen Konsequenzen zu beschreiben.

Literatur: Virilio, Paul: Krieg und Kino. Logistik der Wahrnehmung. München: Hanser 1986. Frz.: Guerre et cinéma: La logistique de la perception. Paris: Ed. de l‘Etoile 1984. – Kittler, Friedrich: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin: Brinkmann & Bose 1986. – Spahr, Angela: Die Technizität des Textes. Friedrich A. Kittler. In: Kloock, Daniela / Spahr, Angela: Medientheorien. Eine Einführung. München: Fink 2000, S. 165-205.