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Manierismus im Film

Bezeichnung für eine Kunsttendenz, die durch Liebe zur Spitzfindigkeit, zur verrätselten Struktur, zur gelehrten Anspielung und zum Verweis auf den geheimnisvollen Hintergrund gekennzeichnet ist. Der Begriff des Manieristischen ist fließend und offen im Sinne einer allgemeinen Bedeutung „eigensinnig-mystifizierende Formensprache“ (mit echter oder vorgetäuschter Tiefe). Im Gegenwartsfilm vertritt Peter Greenaway die Variante des Manierismus am deutlichsten. Charakteristisch in diesem Sinne sind seine Zahlenkombinatorik, die Dramaturgie nach Nummern (z.B. in Drowning by Numbers, 1988), die direkten Übernahmen von manieristisch-barocken Themen und Formen (Prosperos Books, 1991, The Baby of Maçon, 1992/93), die Vexierstruktur der Handlungsabläufe (The Draughtman‘s Contract, 1982, A Zed and Two Noughts, 1982). Auch manche Filme von Jim Jarmusch mit ihrer grüblerischen Grundhaltung kann man als filmischen Manierismus bezeichnen (wie in Mystery Train, 1989, mit seinem disparaten, aber beziehungsreichen Nebeneinander von Handlungssträngen). Auch kann der Film Exotica (1994, Atom Egoyan) mit seiner zirkulären Handlungsstruktur und dem nie ganz aufgeklärten Verweis auf einen mysteriösen Hintergrund aller Beziehungen in dieser Reihe stehen. Direkt in der Tradition des Manierismus steht der surrealistische Film mit seiner Sehnsucht nach dem dunklen „Objekt der Begierde“ (Cet obscur Objet du Désir, 1977, Luis Buňuel) und der Mystik des Traums, mit seinen Vexier- und Rätselstrukturen. Manieristische Tendenzen haben schließlich die expressionistischen Splitterwelten der 1920er Jahre, aber auch manche Montagen bei Orson Welles (Touch of Evil, 1957) oder auch die Filme Michelangelo Antonionis.

Literatur: Blum, Frank: Manierismus und Film. Eine Theorie der Maniera im narrativen Filmwesen unter besonderer Berücksichtigung des westeuropäischen und amerikanischen Spielfilms von 1960 bis 2000. Diss. Wien, Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft 2004. – Hocke, Gustav René: Die Welt als Labyrinth. Manierismus in der europäischen Kunst und Literatur. Reinbek: Rowohlt 1957. Repr. 1991.