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männliche Schaulust

Eine kritische Wendung erfuhr die psychoanalytische Zuschauertheorie, als Laura Mulvey ihr eine feministische Umdeutung in ihrem inzwischen vielzitierten Artikel „Visuelle Lust und narratives Kino“ gab. Ihr entscheidender Schritt war, die subjektiven Effekte des Kinos als geschlechtsspezifisch differenzierte zu sehen. Ihre These lautet, dass die Blickinszenierung im Film die Zuschauer in männlichen Sehweisen und Perspektiven situiert. Die Lust am Kino entstehe in erster Linie aus „der geschickten und befriedigenden Manipulation der visuellen Lust“. Diese habe zwei Komponenten: die objektbezogene Schaulust und die narzisstische Lust an der Identifikation. Die Frau fungiere im Film als Objekt des erotischen Blickes, sowohl des Blickes der männlichen Hauptfigur wie auch des Zuschauers, der die Perspektive des Protagonisten übernehme. Dadurch entstehen aber Komplikationen, denn das Bild der Frau rufe nicht nur Lust hervor, sondern es konnotiere zugleich „die Abwesenheit eines Penis, die die Kastrationsdrohung und, folglich, Unbehagen einschließt“. Als Abwehr gegen diese Drohung gebe es zwei psychische Mechanismen, derer sich das Kino bediene: ein sadistischer Voyeurismus, der die Kastrationsangst kompensiere, und der Fetischismus, der die Kastration verleugne, indem er den abwesenden Phallus durch den Fetisch ersetze. Nach Mulvey bleibe im konventionellen Film keine Möglichkeit einer weiblichen Subjektivität. Der Film zwinge den Zuschauerinnen die eingebaute männliche Sehweise und eine „transsexuelle Identifikation“ auf.
Mulveys Beschreibung der Fixierung des Blicks auf eine voyeuristische oder fetischistische Sehweise ist nach wie vor einflussreich. Sie wirft aber insbesondere in Hinblick auf das weibliche Publikum Fragen auf, für die sie keine befriedigenden Antworten liefern kann. Das Modell einer Fixierung auf „männliche“ Schauweisen macht es schwer zu erklären, „warum Frauen ins Männerkino gehen“, wie Gertrud Koch das Problem formulierte. Mulvey selbst hat ihren Ansatz ergänzt und leicht revidiert, ohne die zentrale Frage nach der geschlechtlichen Konstitution des Blicks aufzugeben, indem sie Fragen nach dem Publikum und der Institution des Hollywood-Kinos als Kontextualisierung und Historisierung des männlichen Blicks mit einbezogen hat.

Literatur: Koch, Gertrud: „Was ich erbeute, sind Bilder“. Zum Diskurs der Geschlechter im Film. Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern 1989, S. 126-135. – Mulvey, Laura: Visual pleasure and narrative cinema. In: Screen 16,3, 1975, S. 6-18 [mehrfach nachgedruckt, zuletzt in: The feminism and visual culture reader. Ed. by Amelia Jones, London: Routledge 2003, S. 44-52]; dt.: Visuelle Lust und narratives Kino. In: Texte zur Theorie des Films. Hrsg. v. Franz-Josef Albersmeier. Stuttgart: Reclam, 4. Aufl. 2001, S. 389-408 [u.a]. – Mulvey, Laura: Den Blick demaskieren. Hollywood-Kino, weibliches Publikum und Konsumkultur. In: Irmbert Schenk (Hrsg.): Erlebnisort Kino. Marburg: Schüren, 2000, S. 130-142.

Referenzen