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mimetisches Begehren

wörtlich eigentlich: „nachahmendes Begehren“

Der Religionswissenschaftler René Girard geht, in Absetzung von romantischen Vorstellungen, davon aus,  dass Begehren nicht zwischen einem Subjekt und einem Objekt entsteht, sondern eines Mediators bedarf. Ich begehre nicht, daß der andere mich begehrt, sondern ich begehre, was der andere begehrt: Ich imitiere sein Begehren. Die Beziehung zum anderen oszilliert dabei zwischen Nachahmung und Rivalität: Er suggeriert das Objekt des Begehrens, beansprucht es aber zugleich auch für sich selbst. Guirard hat dieses anthropologische Modell eines triangulären mimetischen Begehren vor allem an Problemen von Neid, Eifersucht, Gewalt und Rache durchbustabiert, sondern auch an Studien zu Dramen und Romanen Cervantes’, Shakespeares, Stendhals, Dostojewskis, Flauberts und Prousts demonstriert. Es ist rezeptionsästhetisch von höchstem Belang, weil es eine spezifische Dimension des Empathisierens beschreibt – das Eintreten in die Begehrenswelt von Figuren etabliert auch ein Feld begehrter Figuren und Objekte aller Art. Funktionalisiert wird das Prinzip in der Werbung, insbesondere wenn Stars und Prominente in testimonials oder ähnlichen Formen ein Objekt wie z.B. Filme (in Trailern) in direkter Ansprache ans Publikum den Film empfehlen.

Literatur: Girard, René: Mensonge romantique et vérité romanesque. Paris: Grasset 1961; dt.: Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität. Beiträge zur mimetischen Theorie. München/Wien: Thaur 1999; jew. Mehrere Neuausg. – Livingston, Paisley: Models of Desire. René Girard and the Psychology of Mimesis. Baltimore, London: Johns Hopkins University Press 1992. – Palaver, Wolfgang: René Girards mimetische Theorie im Kontext kulturtheoretischer und gesellschaftspolitischer Fragen. 3. Auf. Wien/Berlin/Münster: Lit-Verlag 2008.