Metainformationen zur Seite
  •  

multiple narratives

auch: multi-plot form; dt. etwa: „Mehrgeschichten-Erzählung“; eng verwandt mit: ensemble narratives, mosaic narratives, network narratives und multistrand narratives; verwandt mit forking-path narratives und multiple-draft narratives; das Format steht auch in Beziehung zu multiple narratives set in parallel worlds

Obwohl es nie zu einer Kernform des Erzählens im Kino geworden ist, lassen sich Formen des gleichzeitigen Erzählens mehrerer Geschichten lange zurückverfolgen; ein bekanntes frühes Beispiel ist Grand Hotel (USA 1932, Edmund Goulding), der den transitorischen Handlungsort sowohl zu einem Multiprotagonisten- wie zu einem Mehrgeschichtenkonzept nutzt. Erst in den 1970ern haben amerikanische Filmemacher wie Robert Altman (etwa mit Nashville , USA 1975, oder A Wedding , USA 1978, aber auch in seinem späten Gosford Park , USA 2001) oder Woody Allen (mit Hannah and Her Sisters , USA 1986) das Konzept weiterentwickelt und ausgearbeitet. Spätere Autoren wie Quentin Tarantino (z.B. mit Pulp Fiction, USA 1994), Paul Thomas Anderson (etwa in Magnolia , USA 1999), Steven Soderbergh (in Traffic , USA 2000) und Paul Haggis (etwa in Crash, USA 2004) haben das Format aufgegriffen, ähnlich wie internationale Autoren des Arthouse-Kinos (wie der Georgier Otar Iosseliani [mit Les favoris de la lune , Frankreich 1984], der Pole Krisztof Kiesłowski [mit La double vie de Véronique , Frankreich/Polen 1991], der Mexikaner Alejandro González Iñárritu [mit Amores Perros, Mexiko 2000, oder Babel, Frankreich/USA/Mexiko 2006], der Österreicher Michael Haneke [mit Code inconnu: Récit incomplet de divers voyages, Frankreich/BRD/Rumänien 2000] und der Franzose Robert Guedigian [mit La ville est tranquille, Frankreich 2000]) die multiple Erzählung zu einem festen Bestandteil des avancierten zeitgenössischen Erzählkinos machten. Anders als die Filme, die in verschiedenen möglichen (Erzähl-)Welten spielen oder die mögliche andere Verläufe der gleichen Geschichte durchprobieren, sind die Filme des Mehrgeschichten-Kinos in einer einzigen Wirklichkeit und Zeit angesiedelt, die Teilgeschichten berühren sich (aber nicht notwendigerweise). Indirekt lässt sich die Erzählform als Kritik an der „großen“ und protagonistengeführten Geschichte lesen, als Reaktion auf die gleichzeitige Vielfalt und Widersprüchlichkeit einer postmodernen und postindustriellen Wirklichkeit.

Literatur: Cameron, Allan: Modular narratives in contemporary cinema . New York [...]: Palgrave Macmillan 2008. –  Halvatzis, Stavros: Multiform and multistrand narrative structures in Hollywood cinema . Ph.D. Thesis, University of Southern Queensland 2011. – Parshall, Peter F.: Altman and after. Multiple narratives in film. Lanham, Mad. [...]: Scarecrow Press 2012.

Referenzen