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mythscape

dt. selten: Mythenraum

Wohl von Joanna Overing eingeführtes Konzept der ethnologischen und anthropologischen Mythenforschung, das vor allem auf das Beispiel der Nationalmythen angewendet wurde, ihre Hervorbringung, Aushandlung, Anpassung an veränderte Umstände und manchmal Rekonstitution. Dabei sind die kulturellen Objekte in ganzer Breite in den Blick zu nehmen, von der materialen Kultur über die Alltagsgebräuche bis in die Künste hinein (in Sonderheit der Filme), die Themen nationaler Geschichte, des Vergessens nationaler Traditionen oder der Präsenz älterer mythisch oder religiös begründeter Herkunft entstammender Alltagsgebräuche betreffen (am Beispiel der australischen Nation etwa bedeutender historischer Ereignisse wie das Myall Creek Massacre an Aborigines, historischer Romane oder Filme über einzelne Menschen, die Landnahme [mit Bezug auf das Konzept der frontier ], des Lebens der Pioniere, des Umgangs mit der Urbevölkerung usw.). Es gehört zur „mythischen Potenz“ des Kinos, dass sie lokale Mythologien nicht nur inszenieren, sondern auch für eine viel weitere, internationale Verbreitung sorgen, was wiederum zur Entstehung neuer (imaginärer) Mythologien führt, die in Fan-Kulturen gepflegt werden, nicht aber dem Funktionskreis nationaler Identität zugehören (neben der Assimilation von Musikstilen werden oft Genres wie der Samurai- oder der Kung-Fu-Film genannt; genannt sei auch das Ensemble fiktional-mythischer Figuren, die in den Filmen der Fantasy fröhliche Urständ feiern [wie in den Filmen der Pirates of the Carribean -Reihe, 2003ff]).

Deuten diese Beispiele darauf hin, dass die Beschreibung „mythischer Räume“ im Wesentlichen einer der Realität der Spiele verwandten künstlichen und imaginären Sphäre des Handelns und Genießens gewidmet ist, geht die Kernannahme „mythoskopischer Betrachtung“ weiter: Sie besagt, dass im Kern von Mythen und Ritualen soziale und diskursive Konflikte und Widersprüche stehen (wie die Mensch-Umwelt-Beziehung, Erscheinungsweisen gesellschaftlicher Macht, Spannungsverhältnisse zwischen Subjekt, Praxis und Sinn, aber auch existentielle Tatsachen wie Sterben und Tod), die in den Medien der Erzählung behandelt werden.

Literatur: Mader, Elke: Anthropologie der Mythen . Wien: Facultas-WUV 2008. - Nell, Duncan S.A.: Mythscapes: memory, mythology, and national identity. In: British Journal of Sociology 54,1, 2003, S. 63-81.- Rojas, Ignacio: Australian Mythscape and National Identity: Re-imagining Australia. In: Creative Approaches to Research 6,2, 2013, S. 22-32. - Bennett, Andy: Music, media and urban mythscapes: a study of the ‘Canterbury Sound’. In: Media, Culture & Society 24,1, 2002, S. 87-100.