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Nazifilm / nationalsozialistischer Film

Nachdem die NSDAP die Macht im Januar 1933 in Deutschland übernommen hatten, kam es zu tiefgreifenden Veränderungen im Filmwesen, welches den Verordnungen des Richsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt wurde. Wurden zunächst sämtliche jüdischen Mitarbeiter aus der Filmproduktion und -vorführung ausgeschlossen, so wurde die ideologische Kontrolle des Films über Vorzensur (Reichsfilmdramaturg), Finanzierung (Filmkreditbank) und Verbot bzw. Prädikatisierung (Reichslichtspielgesetz) garantiert. Dennoch konnten bis etwa 1940 nicht nur selbständige (arische) Filmproduzenten in den gegebenen Rahmen agieren, sondern auch die amerikanischen Filmgesellschaften konnten ihre Filme weiter verleihen. Bis zum Anfang des Krieges ging es also dem Propagandaminister Joseph Goebbels darum, sowohl eine Scheinnormalität im Filmwesen aufrechtzuerhalten als auch die Kinoeinnahmen durch hollywoodähnliche deutsche Unterhaltungsfilme zu steigern. Erst im Jahre 1942 kam es zur vollständigen Verstaatlichung der Filmwirtschaft unter dem Ufa-Banner.
Hatten sich die offensichtlich als Nazipropaganda konzipierten Filme der ersten Jahre des Regimes (etwa Hans Westmar, 1933) als Mißerfolge erwiesen, so wurden historische, Spionage- und Abenteuer-Filme, die ideologische Botschaften transportierten, vom Publikum akzeptiert (etwa Ucickys Flüchtlinge, 1933, Verräter, 1936 von Karl Ritter oder Veit Harlans Jud Süss, 1940). Inwieweit „unpolitische” Genres wie Komödien auch dem Nazionalsozialismus dienten, wird noch immer von der Filmwissenschaft heftig debatiert. In der Nachkriegszeit teilten sich die Geister zwischen solchen, die der „Glanzzeit des deutschen Films“ nachtrauerten, und solchen, die lediglich den Nazipropagandafilm rezipierten (u.a. Albrecht 1969, Leiser 1975 und Hoffmann 1988). Zu einer differenzierteren Betrachtung, bei der Nazi-Gedankengut auch in den „harmlosesten“ Komödien und Melodramen entdeckt wurde, kam es in Werken von Lowry (1991), Witte (1995) und Rentschler (1996), wobei auch Momente des (Schein-)Widerstandes, um Normalität vorzugaukeln, identifiziert wurden. Seit der Wiedervereinigung gibt es auch Historiker, die behaupten, das System habe gar nicht eine lückenlose Kontrolle ausüben können, und es seien tatsächliche Freiräume entstanden, in denen u.a. Harlan seine extremen Melodramen drehen konnte.

Literatur: Albrecht, Gerd: Nationalsozialistische Filmpolitik. Stuttgart: Enke 1969. – Lowry, Stephen: Pathos und Politik. Ideologie im Spielfilm des Nationalsozialismus. Tübingen: Niemeyer 1991. – Witte, Karsten: Lachende Erben, toller Tag.Filmkomödie im Dritten Reich. Berlin: Vorwerk 8 1995. – Rentschler, Eric: The Ministry of Illusion. Nazi Cinema and Its Afterlife. London: Harvard University Press 1996.

Referenzen