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Nouveau Cinéma / Nouveau Film

Ende der 1950er Jahre spaltete sich in Paris die Welt des jungen französischen Kinos in zwei Gruppen: die Nouveau-Cinéma-Szene links der Seine (Chris Marker, Agnès Varda, Jean Rouch, Jacques Demy) und die Nouvelle-Vague-Szene rechts der Seine (François Truffaut, Claude Chabrol, Jean-Luc Godard etc.). Einzig gemeinsames Element der beiden Gruppen ist ein Autoren-Begriff des Films (caméra stylo). Das Nouveau Cinéma entwickelte sich parallel zur Nouvelle Vague, wobei die Filme eine mimetisch-dokumentarische Repräsentation der Realität allerdings vermieden und neue mentale, zeitliche und klanghafte Bilder ins Zentrum ihres Interesses stellten.
Vergleichbar ist die kinematographische Schreibform des Nouveau Cinéma mit der Schreibform der Nouveau Romanciers resp. des Nouveau Roman: Die Kunst der Oberflächenhaftigkeit wurde auf das Kino projiziert. Alain Robbe-Grillet, der bedeutendste Nouveau Romancier, hat den Nouveau Roman mit dem Universum des Films verknüpft. Trotz der medienspezifischen Differenz konvergieren diese Präsentationsformen produktions- und rezeptionsästhetisch. Der Nouveau Film ist charakterisiert durch die Befreiung der Zeit aus ihrer traditionellen Chronologie und der linearen Struktur. Das Fehlen zeitlicher Orientierungspunkte war nur eine der Absichten des Nouveau Film: Dezentrierung der Erzählinstanzen, Auflösung der Figurenidentitäten und Organisation der Thematik in neuen nicht-mimetischen, dekonstruktiven semiotischen Erzählsystemen. Alain Robbe-Grillet selbst bezeichnet den Nouveau Film als ein cinéma dysnarratif. Die traditionellen kinematographischen Normen werden aber nicht offen angefochten, sondern es wird vielmehr mit ihnen gespielt. Darin fußt auch die Schwierigkeit, die Filme verstehen zu können – denn einerseits entsprechen sie den Normen des kommerziellen Kinos, andererseits unterscheiden sie sich drastisch von ihnen. Es werden nicht nur die klassischen Filmcodes kritisiert, sondern es wird eine neue logische Struktur eingeführt. Im Gegensatz zum „transparenten“ Kino, das nur die Handlung vermitteln will, ist das Ziel des Nouveau Film, durch Spiel von Bildern und Tönen einen Genuss am Material selbst zu ermöglichen.
Eine wichtige Rolle für das Nouveau Cinéma und den Nouveau Film spielt Alain Resnais, der für viele Filme der Vertreter des Nouveau Roman Regie führte wie zum Beispiel für Hiroshima, mon Amour (1959, Drehbuch: Marguerite Duras) und L‘Année dernière a Marienbad (1961, Drehbuch: Alain Robbe-Grillet). Diese Filme machten Alain Resnais auch zur Schlüsselfigur zwischen Nouveau Roman und Kinowelt.

Literatur: Blüher, Karl Alfred (Hrsg.): Robbe-Grillet zwischen Moderne und Postmoderne: „nouveau roman“, „nouveau cinéma“ und „nouvelle autobiographie“. Tübingen: Narr 1992 (Acta romanica. 1.). – Murcia, Claude: Nouveau roman, nouveau cinéma. Paris: Nathan 1998. – Oliver, Annie: Cinéma et Nouveau Roman. Modifications du regard. In: Micromégas 24,65-66, 1997, S. 151-67.