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Novi film

serb. = „neuer Film“

Welle des Autorenfilms, die sich im Zuge der 2. jugoslawischen Revolution in den 1960ern in nationalen Schulen in Serbien (Beograder Schule), Slowenien (Schule von Ljubljana), Kroatien (Schule von Zagreb) und Bosnien-Herzogowina ausprägte (1961/63-1971). In Westeuropa wurde der Novi film als Kunst des demokratischen Sozialismus gefeiert – ohne zu sehen, dass es sich um eine oppositionelle Intellektuellenkultur handelte, die im Widerspruch zu den Wirtschaftsreformern und zu Titos „Apparaten“ die Unstimmigkeiten in Ideologie und Praxis des „Sozialismus der Arbeiter-Selbstverwaltung“ aufdeckte, aber von der Masse der jugoslawischen Kinobesucher ignoriert wurde. Anders als in der CSSR wurde die intellektuelle Opposition nicht von einer politischen Demokratisierung der Bevölkerung im Lande mitgetragen. Die mangelnde Popularität der Filme der Richtung hängt auch mit der Haltung zusammen, die sie ausstrahlen – es sind oftmals antioptimistische Manifeste von sarkastischer und grotesker Ironie und Bitternis über eine desolate Realität des Sozialismus.
Die von der Pariser Nouvelle Vague und personell von Bogdan Hladnik beeinflusste Entwicklung in Ljubljana (Slowenien) bildete 1961/62 den Anfang. Hladniks Pešeni grad (Sandburg, 1962) ist z.B. eine psychologische Studie über drei junge Menschen, von denen einer im KZ im Krieg geboren worden war, und die aus den Realitäten des Alltagslebens in eine Welt der Illusionen und Spiele flüchten. Vielschichtige poetische Formen entstanden, die einem kritischen Modernismus Ausdruck gaben; gegen die gewohnten Schemata des populären Partisanenfilms setzte der Serbe Puriša Djordjević etwa Lyrismus (in seiner Trilogie Devojka / Mädchen, 1965; San / Traum, 1966; Jutro / Morgen, 1967). Die Kritik an Parteiführern und Korruption wurde angemeldet (der Kroate Branko Bauer mit Licem u lice / Von Gesicht zu Gesicht, 1963). In der Mitte und in den späten 1960er Jahren wurden die Effekte der Liberalisierung und Dezentralisierung auch in der Filmproduktion spürbar: Statt patriotischer Idealisierung brach sich die Kritik der Verhältnisse durch den Novi film Bahn. Die Demythologisierung der Arbeiterklasse, die Kritik der Mängel des Sozialstaates (Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit u.ä.), die Kritik an Bürokratie und Korruption werden nun Gegenstand einer „Schwarzen Welle“.
Gegen die Neue Welle wurde 1971 – nach der Niederschlagung des „Kroatischen Frühlings“ – eine politische Gegenoffensive eingeleitet, die Berufsverbote (z.B. Bahrudin ‚Bat‘ Cengić) und Emigration für Regisseure (z.B. Dušan Makavejev) zur Folge hatte.

Literatur: Haucke, Lutz: Novi film? Filmkunst des ‚demokratischen Sozialismus‘? Bemerkungen zum jugoslawischen Film 1961-1971. In: Kulturation, 2, 2006, ULR: http://www.kulturation.de/ki_1_thema.php?id=104.

Referenzen