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Nullmedium

Innerhalb der anklägerischen Schriften gegen das verdummende Fernsehen nimmt der Dichter und Kulturkritiker Hans Magnus Enzensberger mit seinen Texten eine Sonderposition ein. Enzensberger, der noch 1970 mit Aufkommen und Verbreitung der Videotechnik davon ausging, dass jeder Empfänger von Nachrichten potentiell auch zum Sender werden könne und damit die Strukturen und Besitzverhältnisse ebenso verändert werden könnten wie die Inhalte, sah 20 Jahre später diese emanzipatorischen Hoffnungen gründlich enttäuscht. Fernsehen sei eigentlich ohne bedeutende Inhalte, es informiere nicht, seine Botschaften seien gleich Null, folglich sei es ein Nullmedium. Seine Funktion sei einzig eine psychologische. Es gleiche einer Gehirnwäsche, einer Droge, einer hypnotischen Versenkung, die jedoch genussreich empfunden werde, denn der Zuschauer wolle nur eines: von Bedeutung verschont bleiben, er wolle einschalten, um abzuschalten. Genau und einzig in dieser Funktion liege die gesellschaftliche Notwendigkeit des Fernsehens. Als Bezeichnung für eine hypnotische Inhaltsleere des Fernsehens hat sich „Nullmedium“ schnell verbreitet, eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Konzept ist aber bislang ausgeblieben.

Literatur: Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch, 20, 1970, S. 159-186. – Enzenberger, Hans Magnus: Die vollkommene Leere. Das Nullmedium Oder Warum alle Klagen über das Fernsehen gegenstandslos sind. In: Der Spiegel 42,20, 16.5.1988, S. 234-244. Repr. in Enzensbergers: Mittelmaß und Wahn. Frankfurt: Suhrkamp 1988, S. 89-103. Repr. in: Baukasten zu einer Theorie der Medien. Kritische Diskurse zur Pressefreiheit. Hrsg. v. Peter Glotz. München: Reinhard Fischer 1997 (Ex Libris Kommunikation. 8.). Repr. in Enzensbergers: Nomaden im Regal. Essays. Frankfurt: Suhrkamp 2003.