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paracinema

(1) Der Begriff paracinema wurde von Jeffrey Sconce vorgeschlagen, um – ähnlich, wie der Begriff paraliterature zur Bestimmung von als „abseitig“ geltenden Textgattungen wie Comics, Groschenhefte oder Lyrik für Poesiealben im Verhältnis zur Hochliteratur dient – so separate Gattungen wie Splatterfilm, Mondofilme, Pornographica, Monster- und Sandalenfilme, gewisse Formen des Musikfilms u.a.m. als Gegenentwürfe gegen die Werte- und Formenwelt des etablierten kommerziellen Kinos auffassen zu können. Zwar ist der Begriff nach eigenem Bekunden Sconces äußerst dehnbar und flexibel, doch ist das Anliegen klar – es geht darum, gewisse Formen des Anti-Establishment-Kinos als reflexive Formen zu bestimmen, ihre Ausdrucksformen und Themen auch als Auseinandersetzungen mit den stilistischen Standards und den thematischen Beschränkungen des kommerziellen Kinos ansehen zu können. Vom Exploitation-Kino bis zu den unabhängigen No-Budget-Produktionen des Schülerfilms eröffnet sich so eine Sinn-Dimension, die interessanterweise auf die Avantgarde-Film-Produktion ausgedehnt werden kann: Auch dieses Kino ist reflexiv bezogen auf das Standardkino, auch hier werden Themen bearbeitet und in Darstellungsweisen erprobt, die im Standardkino nicht bearbeitet werden oder werden dürfen.

Literatur: Hawkins, Joan: Cutting Edge. Art-Horror and the Horrific Avant-garde. Minneapolis/London: University of Minnesota Press 2000. – Sconce, Jeffrey: Trashing the academy: Taste, excess, and an emerging politics of cinematic style. In: Screen 36,4, Winter 1995, S. 371-393.

(2) Der Begriff wurde um 1970 von Ken Jacobs verwendet, um Formen der Installation und des Happenings, der Conceptual Art und auch des Expanded Cinema zusammenzufassen, in denen die Grenzen und Bedingungen des Kinematographischen ausgekundschaftet werden sollten. Die Bemühungen gingen bis zur Infragestellung der kinematographischen Apparatur und der Erarbeitung von Aufführungsformaten, die trotz der Abwesenheit von Kamera, Projektor und/oder Leinwand dennoch als Produktionen des Kinos aufgefasst werden sollten (wie z.B. Ken Jacobs‘ Projektreihe Nervous System, ab 1975, oder Anthony McCalls „solid light films“).

Literatur: Conrad, Tony: Is This Penny Ante or a High Stakes Game? An Interventionist Approach to Experimental Filmmaking. In: Millennium Film Journal, 43/44, 2005, S. 101-112. – McCall, Anthony: Line Describing a Cone and Related Films. In: October, 103, Winter 2003, S. 42-62. – Walley, Jonathan: The Material of Film and the Idea of Cinema: Contrasting Practices in Sixties and Seventies Avant-garde Film. In: October, 103, Winter 2003, S. 15-30.

Referenzen