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Pathosformel

Unter Pathosformel versteht man die formelhafte Darstellung gewisser Gebärden und Formen des Gefühlsausdrucks, basierend auf der Annahme, dass sie fortdauernde, universale Gültigkeit besäßen, kurz: Pathosformeln sind magisch wirksame Erregungsbilder. Der Kunst- und Kulturhistoriker Aby M. Warburg (1866-1929) prägte den Begriff zu Beginn des letzten Jahrhunderts, in dem er durch seine Beschäftigung mit dem Nachleben bestimmter Bilder das Forschungsgebiet der Ikonologie begründete. Eine Entgrenzung erfuhr der Begriff der Pathosformel, als eine Reihe geisteswissenschaftlicher Forschungsrichtungen sich seiner als Leitmotiv bedienten, etwa in der literaturwissenschaftlichen Toposforschung (Ernst Robert Curtius) oder in der gesamten ikonographisch-orientierten Kunst- und Literaturwissenschaft. Warburg selbst arbeitete mit einer vergleichsweise festumrissenen Definition der Pathosformel, als er das Interesse der italienischen Renaissance an der klassischen Antike auslotete. Sein Forschungsparadigma war das einer historischen Psychologie des menschlichen Ausdrucks. Hartmut Böhme sieht darin die Geschichte der eloquentia corporis, der Rhetoriken, Semantiken und Topiken körperbezogener Ausdrücke, „die zu Bilder und Figuren geronnenen Interferenzen zwischen Affektenergien und kulturellen Verarbeitungsmuster“. Pathosformeln sind demnach stilisierte Formen und Formeln für Grenzwerte mimischen und physiognomischen Ausdrucks. Allerdings führten Warburgs Einsichten weit über das von ihm untersuchte Feld hinaus. Nach seinem Tod war es vor allem Erwin Panofsky, der die Pathosformel in einen breiteren Kontext stellte. Aktuell greift der Kölner Literaturwissenschaftler Ulrich Port die Frage nach dem 'Fortleben' von Pathosformeln in den Medien und Künsten der Gegenwart auf.

Literatur: Böhme, Hartmut: Aby M. Warburg. In: Michaels, Axel [Hrsg]: Klassiker der Religionswissenschaft. Von Friedrich Schleiermacher bis Mircea Eliade. München: Beck 1997. – Gombrich, Ernst H.: Aby Warburg. Eine intellektuelle Biographie. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1970. Mehrere Nachdr. u. Neuausg. – Port, Ulrich: Pathosformeln. Die Tragödie und die Geschichte exaltierter Affekte (1755-1886). München: Fink 2005.