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Photopantomime

Als Photopantomime wird manchmal das Nachspiel von Filmszenen (oder, im erweiterten Sinne, von Szenen aus der Literatur) bezeichnet, das die Szene nicht parodiert, sondern durch Übertreibung und überkorrektes Nachspiel deren implizite Ordnungsvorstellungen herausarbeitet. Vor allem versucht das pantomimische Nachspiel die ästhetischen Ideale der Vorlage zu realisieren, so dass ideologische Voraussetzungen der Szene wie die kapitalistische Ordnung der Klassen, Momente der Entfremdung, repressive Effekte der Arbeitsteilung u.ä, sichtbar werden. Photopantomimische Performances gehören dem Obszönen im Baudrillardschen Sinne an, weil die im Original manchmal sogar anrührende Szene ihrer emotionalen Wirkung entkleidet und auf die tatsächlichen Unterdrückungsverhältnisse reduziert wird.
Das Thema der pantomimischen Dekonstruktion der Repressivität insbesondere industrieller Produktionsvorgänge ist auch Thema des Films gewesen: Eine ganze Reihe vor allem von Slapstick-Filmen bewegen sich auf der Grenze zur Photopantomime. Ein Beispiel ist Oranges and Lemons (USA 1923, George Jeske), in dem Stan Laurel einen Arbeiter in einer Obstfabrik spielt, der die Produktionsabläufe durcheinander bringt. Und auch Chaplins Modern Times (USA 1936) mit der Überernsthaftigkeit, mit der der Held versucht, sich in die Produktionsroutinen einer Fabrik einzuordnen, gehört die Reihe der filmisch-pantomimischen Kritik der Zwänge, unter die das kapitalistische Produktionssystem die Arbeitenden stellt.

Literatur: Michel, Regis: White Negro: Jeff Wall's Uncle Tom: On the Obscenity of Photopantomime. In: Oxford Art Journal 30, 2007, S. 55‑68. – Baudrillard, Jean: Die Szene und das Obszöne. In: Kamper, Dietmar; Wulf, Christoph (Hrsg.): Das Schwinden der Sinne. Frankfurt: Suhrkamp 1984, S. 279‑297.