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Politainment

Kunstwort aus „Politik“ und „Entertainment“, nach dem Muster von „Infotainment“ oder „Edutainment“

In den 1990er Jahren hat sich eine Koppelung zwischen Politik und Entertainment, politischer und unterhaltender Kommunikation herausgebildet, die es in dieser Explizitheit vorher nicht gegeben hatte. „Politainment“ bezeichnet eine Form der öffentlichen Kommunikation, in der politische Themen, Akteure, Prozesse, Deutungsmuster, Identitäten und Sinnentwürfe im Modus der Unterhaltung zu einer neuen Realität des Politischen montiert werden. Diese konstituiert den Erfahrungsraum, in dem den Bürgern heutzutage typischerweise Politik zugänglich wird. Das Bild, das sich Wähler/Mediennutzer von der Politik machen können, ist maßgeblich geprägt durch die Strukturen und Funktionen des Politainment. Politainment bildet sich auf zwei Ebenen heraus – als unterhaltende Politik und als politische Unterhaltung. Unterhaltende Politik liegt immer dann vor, wenn politische Akteure auf Instrumente und Stilmittel der Unterhaltungskultur zurückgreifen, um ihre jeweiligen Ziele zu realisieren. Insbesondere zu Wahlzeiten werden Akteure der Unterhaltungsindustrie gewonnen, die für Parteien öffentliche Werbung machen oder ihre Arbeiten in tagespolitische Interessenkontexte einrücken – wie jüngst Michael Moore seinen Film Fahrenheit 9/11 (2004) als Beitrag zur Verhinderung der Wiederwahl Bushs annonciert hatte; gelegentlich treten außerdem Politiker in Unterhaltungsformaten auf (wie der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder mehrfach in der Lindenstraße und einmal auch in Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Folge 1.500, 1998, oder der FDP-Vorsitzende Westerwelle in Big Brother, 14.10.2000). Unterhaltende Politik dient dazu, politische Macht zu erwerben und auf Dauer zu stabilisieren. Politische Unterhaltung dagegen benutzt gezielt Figuren, Themen, Szenarien und Geschehnisse der Politik zur Gestaltung der fiktionalen Bildwelten der Unterhaltung, zur Bindung von Publika, um das eigene Prestige zu heben etc. Insofern entsteht ein Bündnis auf Gegenseitigkeit, in dem die eine Gruppe von Akteuren die andere funktionalisiert und umgekehrt. Außerdem werden politische Ereignisse zunehmend in Show-Formaten inszeniert.

Literatur: Dörner, Andreas: Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp 2001. – Koziol, Klaus (Hrsg.): Politainment. Politikvermittlung zwischen Information und Unterhaltung. München: Kopaed Vlg. 2002 (Forum Medienethik.).