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politicsploitation

Kofferwort aus: politic+ [ex]ploitation

Der Kulturanthropologe und Orientalist Walter Armbrust schlug in einer Untersuchung einer ganzen Gruppe ägyptischer Komödien und TV-Programme, die in den 1990ern und 2000ern vor allem nach den beiden Irakkriegen entstanden, die Bezeichnung politicsploitationvor. Er suchte damit die kommerzielle Ausbeutung antiamerikanischer und anti-israelischer Haltungen durch die ägyptische Kulturindustrie zu erfassen – in Anlehnung an die Filme des amerikanischen Exploitation-Kinos der 1960er, das mit einfach produzierten B-Filmen die „niederen Instinkte“ und die Sensationslust des Publikums „ausbeutete“, indem es Nacktheit, Sex und Gewalt zelebrierte. Muslimische politicsploitationbeutete demnach bereits vorhandene Ressentiments gegen Amerika und Israel beim Publikum aus. Neben den gängigen Charakteristika des Exploitation-Kinos wiesen diese Filme zusätzlich eine Umkehrung gängiger Rollen-Stereotypen des amerikanischen und israelischen Mainstream-Kinos auf: Schwarze Gangster und Zuhälter wurden zu Helden, weiße Polizisten zu Bösewichten. Ein ganz ähnlicher Perspektivwechsel lässt sich nicht nur in den von Armbrust analysierten ägyptischen Videoclips und TV-Komödien finden, sondern auch in Hausa-Videofilmen, in denen die dominante westliche Repräsentation des Weltgeschehens in ihr Gegenteil verkehrt wird: Bin Laden wird zum Helden, Bush zum Verbrecher. Ein auch im Westen bekanntes Beispiel ist das Burkina-Faso-Segment aus dem Omnibusfilm 11'09''01 - September 11(2002, Idrissa Ouedraogo). Armbrust betont, dass es sich bei politicsploitationnicht um Propaganda handele, weil es nicht um Überzeugung gehe, sondern um eine parodistische Verkehrung und Vergackeierung von Stereotypen westlichen Kinos und westlicher politischer Interpretation. Das Parodistische steht im Vordergrund, das Vergnügen des Zuschauers basiert auf der Kenntnis just jener Klischees und dem Verstehen der poetischen Strategie der Verkehrung. 

Literatur: Armbrust, Walter: Bravely Stating the Obvious. Egyptian humor and the anti-American consensus. In:  Arab Media & Society, 3, 2007; 14.1.2008: online. – Armbrust, Walter: Political Film in Egypt. In: Film in the Middle East and North Africa. Creative Dissidence. Ed. by Josef Gugler. Palo Alto, Cal.: ebrary 2011, S. 228-252. – Krings, Matthias: Marke "Osama". Über Kommunikation und Kommerz mit Bin-Laden-Bildern in Nigeria. In: Peripherie29,1, 2009, S. 31-55.