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primitive mode of representation (PMR)

In seiner Theorie des frühen Films definiert Noël Birch einen von ihm sogenannten „primitive mode of representation“ (PMR) als die gängige Form der Filme der ersten zehn Jahre des Kinos. In diesem Modus interessiert sich ein Film weniger für narrative Strukturen, als wir es heute gewohnt sind, und deutlich mehr für nichtlineare Geschichten, die nicht in sich geschlossen sind, sondern vom Zuschauer verlangen, dass er Informationen mitbringt und in der Rezeption zusätzlich einbringt, um den narrativen Fluss zu verstehen. Auf der Bildebene weist der PMR Kompositionen auf, die nicht zentriert sind (d.h. das Auge nicht führen), sowie Einstellungen in der Totalen, die jede Art psychologischer Motivation der Kameradistanzen und -achsen aus der Sicht der Figuren zunichtemachen. Burch nennt diese ungewohnte Unabhängigkeit von Bild und Figuren der Handlung „exteriority“; mehrfach weist er auf das räumliche Zusammenspiel verschiedener Tiefenebenen hin, die den Zuschauer zur bewussten Rezeption zwingen – und damit geraten die Bildwelten des PMR in die Nähe der Kunst der Moderne.
Wie aber Burch notiert, existierte der PMR nicht in einem Vakuum, sondern stand von Anfang an in Opposition zum „institutional mode of representation“ (IMR); in eine ähnliche Spannung zu einem narrativ orientierten, auf Identifikation mit den Figuren und auf Verringerung ästhetischer Distanz bedachten Illusionskinos tritt auch der selbstbezügliche, anarrative Avantgardefilm der 1920er Jahre.

Literatur: Burch, Noël: Life to those Shadows. London: BFI Publishing 1990, S. 186ff.