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Ritual

Rituale im engeren Sinne sind geregelte Abläufe von Riten resp. Handlungen in einem besonderen Ritus eines Kultes oder einer Religion. Rituale (oder Ritualisierungen) in einem weiteren Sinne werden auch nichtreligiöse soziale Abläufe genannt, die geregelt sind, deren Durchspielen zum sozialen Leben gehört, die konventionalisiert sind und auf gegenseitiger Kenntnis beruhen. Dazu rechnen Begrüßungsrituale ebenso wie ritualisierte Formen des Umgangs mit Medien (insbesondere Radio und Fernsehen als Alltagsmedien werden Gegenstand ritualisierter Zuwendung). Umgekehrt wissen Medienmacher um die ritualisierten Formen der Rezeption und bedienen gerade diese.
In einer wissenssoziologischen Perspektive sind Rituale in Abgrenzung zu profanen Handlungen zu sehen und betreffen gerade darin die Konstitutionsprozesse des Eigenen in Bezug auf Religion, Nation, Geschlechterrolle usw. – Rituale wirken sinn- und identitätsstiftend. Unter einer pragmatischen Perspektive dienen Ritualisierungen von Handlungen dazu, soziale Vertrautheit und Nähe herzustellen und Alltagsleben als gemeinsam versteh- und beherrschbare Verlaufsform darzustellen. Seit der „performativen Wende“ der 1980er Jahre dient das Ritual zudem als Leitbegriff eines bewusst interdisziplinären Forschungskonzepts, zusammengefasst in den so genannten Ritual Studies. Paradigmatisch werden dabei Rituale und rituelle Handlungen als bestimmte Form der Kommunikation – als kulturelle Performances eben – interpretiert, die sich in allen gesellschaftlichen Bereichen manifestiert.
Die Ansätze der Ritualforschung sind mannigfaltig: Es finden sich allgemeine Ritualtheorien (van Gennep: Les rites de passage; Durkheim: Les formes élémentaires de la vie religieuse) über formalistische Entwürfe bis hin zu praktischer Ritualforschung in Feldern wie Politik, Medien, Sport oder Psychotherapie. In den Ritual Studies vereinigen sich Disziplinen wie Soziologie, Ethnologie, Kulturwissenschaft, Philosophie, Literaturwissenschaft, Psychologie oder Theologie, die sich mit historischen oder phänomenologischen Methoden ebenso wie mit Diskurs- und Systemanalysen dem Thema nähern. Als einigende Komponente wirkt dabei die Erkenntnis, dass rituelle Handlungen soziale Wirklichkeit konstruieren und bestätigen. So wird in der Medientheorie diskutiert, ob Formen der sakralen Sinnfindung im Ritual in medialisierte Formate des Fernsehens übertragen worden sind, und es stellt sich auch die Frage, welche Funktionen der Sinnfindung und der Identitätskonstruktion Ritualisierungsformen der Medien in heutigen multikulturellen Gesellschaften spielen.

Literatur: Bell, Catherine: Ritual. Perspectives and Dimensions. New York: Oxford University Press 1997. – Belliger, Andrea / Krieger, David J.[Hrsg.]: Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. – Couldry, Nick: Media rituals. A critical approach. London/New York: Routledge 2002. – Durkheim, Emile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Frankfurt: Suhrkamp 1981. Zuerst als: Les formes élémentaires de la vie religieuse. Le système totémique en Australie. Paris: Alcan 1912. – Gennep, Arnold van: Übergangsriten. Frankfurt: Campus 1999. Zuerst als: Les rites de passage. London: Routledge & Kegan Paul 1960.

Referenzen