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Sehen-als

Am Beispiel des sogenannten Hasen-Enten-Bildes erläutert Wittgenstein die zunächst von der Gestaltpsychologie in die Diskussion gebrachte Organisiertheit des Wahrnehmungserlebnisses als ein kognitiv immer schon beeinflusstes Phänomen: „Und darum erscheint das Aufleuchten des Aspekts halb Seherlebnis, halb ein Denken“ (Wittgenstein 1984, 525). Sehen bezieht sich nicht auf das wahrgenommene Objekt, sondern stellt dieses von vornherein in Beziehung zu anderen Dingen der Welt und des Wissens – es erweist sich als Sehen-als (oder: Aspektsehen). Der Begriff des Aspektsehens und vor allem des Aspektwechsels hat erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch innerhalb der Kuhnschen Paradigmentheorie einen prominenten Platz erhalten. Danach entsprechen den wissenschaftlichen Revolutionen Formen des Gestaltwandels.
Das Sehen-als oder Aspektsehen spielt auch in der Kunsttheorie eine prominente Rolle. In Art and Illusion bezog sich Gombrich auf das Sehen-als, um die Besonderheiten der Bildwahrnehmung (im Unterschied zur Gegenstandswahrnehmung) zu. Gombrich zufolge nimmt der Bildbetrachter entweder die Oberflächenstruktur eines als Bild dienenden Gegenstandes wahr – oder er nimmt diese als etwas anderes wahr. Mit Recht hat Wollheim den hierbei unterstellten Vergleich mit dem Hasen-Enten-Bild kritisiert. Nach Wollheim sehen wir bei der Bildwahrnehmung stattdessen etwas in etwas („Sehen-in“). Das Sehen-In ist dem Aspektsehen sicherlich verwandt, erfordert aber, dass beide Komponenten beständig bewusst bleiben. Diese Eigenschaft der Bildwahrnehmung hat Wollheim als „Twofoldness“ bezeichnet.

Literatur: Gombrich, Ernst H.: Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Princeton, NJ: Princeton University Press 1960. – Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt: Suhrkamp 1984. – Wollheim, Richard: Art and its Objects. 2nd ed. with six supplementary essays. Cambridge: Cambridge University Press 1980; dt. Ausg.: Objekte der Kunst. Frankfurt: Suhrkamp 1982.