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Später Noir

engl.: late noir

Begriffsbildung in Anlehnung an Paul Schraders Beobachtung, wonach sich die filmische Perspektive der US-amerikanischen Variante des Film noir ca. Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre selbstbewusst weiter radikalisierte. Der späte Noir-Film brachte jene „aesthetically and sociological most piercing“ (Schrader) Formenspiele des Film noir hervor, die in filmhistorischer Perspektive eine Blütezeit in der Ausdifferenzierung der méthode noire (Röwekamp 2003) bedeuteten. Für Schrader ist diese Phase des Film noir gekennzeichnet von suizidalen Tendenzen und psychotischen Mördern (Kiss Tomorrow Goodbye, USA 1950), ausweglosen Bedrohungsszenarios (Kiss of Death, USA 1947), unklaren Motivationslagen und grundloser Gewalt (Gun Crazy, USA 1949) sowie psychisch instabilen und desorientierten Charaktere (D.O.A., USA 1950; Sunset Boulevard, USA 1950; The Big Heat, USA 1953). In ökonomischer Hinsicht dominierten B-Filme den Markt des späten Noir, Produkte jener kostengünstigen Herstellungsweise, in der Experiment und stilistische Radikalisierung eher möglich waren als in A-Produktionen. Für Schrader beschließen Kiss Me Deadly (USA 1955) als „masterpiece“ und Touch of Evil (1958) als „epitaph“ den späten Noir. Vor dem Hintergrund des sinkenden Interesses an abgründigen Erzählungen in Folge soziokultureller Umorientierungen, dem Aufkommen von Farbfilm und Fernsehen sowie mit Blick auf die filmhistorische Entwicklung markiert der späte Noir allerdings weniger ein Ende des Film noir denn eine Zuspitzung seiner expressiven filmsprachlichen Methode sowie eine Übergangsphase zu Filmen wie u.a. A bout de Souffle (Frankreich 1960), Koroshi na Rakuin (dt.: Beruf Mörder, Japan 1967), Taxi Driver (USA 1975), Element of Crime (Dänemark 1984) oder Lost Highway (USA 1997).

Literatur: Kerr, Paul: Out of what Past? Notes on the B Film noir. In: Film Noir Reader. Ed. by Alain Silver, James Ursini. New York 1996. S.107-127. – Röwekamp, Burkhard: Vom ‚film noir‘ zur ‚méthode noire‘. Die Evolution filmischer Schwarzmalerei. Marburg: Schüren 2003. – Schrader, Paul: Notes on Film noir. In: Film Comment, 1, Frühling 1972, S. 80-94.

Referenzen