Metainformationen zur Seite

später Stummfilm

Filme, die zeitgleich mit den frühen Tonfilmen entstehen, aber aus ästhetischen Gründen und trotz neuer technischer Möglichkeiten auf den Ton, insbesondere den gesprochenen Dialog verzichten. Hinter dem Vorgehen steht ein tiefes Misstrauen gegenüber der Sprache, die für das Verständnis eines Films vollkommen überflüssig sei und – so die zeitgenössische Argumentation – den ausgefeilten, auf Visualität und Musikalität ausgerichteten ästhetischen Strategien in die Quere komme. Mehr noch: Dem Film würde durch den Einsatz der Sprache das so mühevoll erworbene Attribut der Kunst zwangsläufig wieder entzogen, da das Medium unweigerlich in jene Trivialität zurück kehren würde, aus der es ursprünglich gekommen sei. Manche Regisseure verzichten noch einige Jahre ganz auf den Ton, andere gehen insofern einen Kompromiss ein, als sie die Tonspur ausschließlich für die (jedoch ebenfalls einer Stummfilmästhetik verpflichteten) Filmmusik verwenden. Zu den Filmen dieser kleinen, ästhetisch und politisch oft radikalen Gruppe gehören Yasujiros Ozus fast sozialdokumentarische Studie Otona no miru ehon – Umarete wa mita keredo (Japan 1932) über die Beziehungen eines Vaters zu seinen Söhnen in einem sich schnell modernisierenden Japan, Aleksandr Medvedkins an die Slapstick-Tradition anknüpfende Komödie Schastye (UdSSR 1932) oder Charly Chaplins Modern Times (USA 1936), in dem der Tramp in eine moderne Fabrik gerät und sich mühsam mit den Arbeitsverhältnissen des industriellen Zeitalters anfreunden muss. Noch Jacques Tatis Les Vacances de M. Hulot (Frankreich 1953) verzichtet auf die Dialogspur, arbeitet stattdessen mit einer differenzierten Tonspur, weil es ihm darum geht, elementare Rhythmen seiner Geschichte aufzudecken.