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Systemtheorie

Der Film erscheint in der Systemtheorie Niklas Luhmanns nicht auf der Ebene der autopoietischen Sozialsysteme, sondern als Unterkategorie, gewissermaßen als „Spielart“ des Programmbereichs Unterhaltung im System Massenmedien. Dieses leistet die Selbstbeschreibung der Gesellschaft, indem Irritationen aus seiner Umwelt anhand des binären Codes Information/Nichtinformation erfasst werden, wobei der Programmbereich Unterhaltung Regeln zur Anwendung des Codes bereitstellt. Durch diese Zuordnung rückt der Film in der systemtheoretischen Erörterung in die Nähe von Luhmanns (strittigem) Spielbegriff. Ein Film konstituiert demnach eine zweite, zeitlich begrenzte Realität, die optisch als solche markiert wird. Vom Publikum wird erwartet, zwischen realer und fiktiver Ebene problemlos unterscheiden zu können und dem Dargebotenen gewisse Freiheiten im Sinne einer Plausibilität einzuräumen. Da jedoch eine totale Fiktion nicht verstanden werden kann, muss stets ein inhaltlicher Bezug zur „realen Realität“ hergestellt werden.
In mehrerer Hinsicht kann der (Spiel-)Film als herausragendes Beispiel für rekursive Vernetzung im Sinne der Systemtheorie betrachtet werden: Zum einen gebietet die zeitliche Logik der narrativen Struktur, dass Filminhalte auf andere Filminhalte (z.B. vorher Gezeigtes) Bezug nehmen; zum anderen wird eine „Beobachtung zweiter Ordnung“ geleistet, indem der Film seine Charakteristika als inhaltliches Motiv formuliert – Beispiel dafür ist in erster Linie die Metafiktion, aber auch eine unkonventionelle (nicht lineare) Erzählstruktur kann als filmische Selbstreflexion gewertet werden.
Schwächen der Untersuchung Luhmanns liegen, neben seinem veralteten Medienbegriff und der allzu leichtfertigen Zuordnung der Programmbereiche, in der mangelnden Abgrenzung der (Unterhaltungs-)Medien voneinander. So wird der Film nicht als eigenständige Ausdrucksform gewürdigt, sondern in eine verallgemeinerte Besprechung von Massenmedien eingebettet. Luhmann behauptet zudem eine Trivialität des Films – und das, obwohl der Programmbereich Unterhaltung strukturell an das Sozialsystem Kunst gekoppelt ist. Allerdings zielen Luhmanns Ausführungen an keiner Stelle auf die Genese einer spezifischen Filmtheorie.
Die neuere Forschung versucht teilweise, diese Lücke zu schließen. Besondere Aufmerksamkeit genießt dabei der Beitrag des Films zur strukturellen Kopplung von Systemen wie z.B. Kunst/Medien oder Politik/Medien. Die noch bei Luhmann formulierte Eineindeutigkeit der Beziehungen von Programmbereich, System und Umwelt wird dabei zurückgewiesen. Eine spezifisch systemtheoretische Herleitung der Eigenschaften des Mediums, wie sie etwa für die Literatur versucht worden ist, steht aber noch aus.

Literatur: Föls, Maike-Maren: Literatur und Film im Fadenkreuz der Systemtheorie. Ein paradigmatischer Vergleich. Hamburg: Verlag Dr. Kovać 2003. – Huck, Christian / Zorn, Carsten (Hg.): Das Populäre der Gesellschaft. Systemtheorie und Populärkultur. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007. – Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 2., erw. Aufl. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996. Erste Aufl. als: Vorträge / Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften. G, Geisteswissenschaften, 333, 1995.