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Telecittà

manchmal auch: teleoptische Stadt

Worterfindung Paul Virilios in Anlehnung an die „Cinecittà“. Er geht von einer ursprünglichen Form der Kommunikation und anderer menschlicher Aktivitäten aus, die in der historischen Stadt einen angemessenen architektonischen Ausdruck fand. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde diese Form von Stadt abgelöst von der „Cinecittà“, der „Stadt“ der Filmschaffenden und des Kinos – und damit einer Architektur gewordenen Lebensform, in der es keine Einheit von Ort und Zeit mehr gibt und das Gegenwärtige vom Imaginären vielfach durchsetzt ist. Heute ist – immer noch Virilio folgend – die „Cinecittà“ abgelöst durch die „Telecittà“, in der sich die Menschen nicht mehr an einem Ort, sondern in einer gemeinsamen Zeit versammeln: in der Zeit der Sendung. Die Fernsehstadt ist eine Stadt ohne Raum, bevölkert mit kommunikativ abwesenden Fernsehzuschauern. Raum wird also nicht mehr als Territorium oder über Distanzen definiert, sondern als informationeller Ort, der Menschen von der Teilnahme an einem kommunikativem Prozess ein- oder ausschließen kann. Die Trennung von Leib- und kommunikativer Präsenz, die schon beim Telefon paradox getrennt ist, wird nun radikal. Während die Printmedien getrennte „Informationswelten“ schaffen, die für jeweils bestimmte Zielgruppen gedacht sind, integriert das Fernsehen früher getrennte Informationssysteme. Vor der Verbreitung der Massenmedien war die Entstehung unterschiedlicher Informationswelten von der physischen Präsenz an einem bestimmten Ort abhängig. Das hat sich beim Übergang zu den Funk- und Netzmedien grundlegend verschoben.

Literatur: Mehrabian, Albert: Public Places and Private Spaces. The Psychology of Work, Play and Living Environments. New York: Basic Books 1976. Dt.: Räume des Alltags. Wie die Umwelt unser Verhalten bestimmt. Frankfurt/New York: Campus 1978; repr. 1987. – Meyrowitz, Joshua: No Sense of Place. The Impact of Electronic Media on Social Behavior. Oxford: Oxford University Press 1985. Dt.: Die Fernsehgesellschaft. Wirklichkeit und Identität im Medienzeitalter. Weinheim/Basel: Beltz 1989. – Mosè Ricci (a cura di): Figure della trasformazione. Pescara: Edizioni d'Architettura Meltemi 1996. – Rötzer, Florian: Die Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter. Darmstadt: Bollmann 1997.

Referenzen