Metainformationen zur Seite

Tiefenkriterien

In der konstruktivistischen Wahrnehmungstheorie wird davon ausgegangen, dass der Wahrnehmungsapparat Hinweisreize (cues) im Netzhautbild zur Konstruktion von Raumvorstellungen benutzt. Die phänomenale Vorstellung räumlicher Verhältnisse kommt auf Grund von „unbewussten Schlüssen“ (Helmholtz) zustande, die aus dem Indizienmaterial der cues erfolgt. Insbesondere der Erklärungsansatz der mehrfachen Tiefenkriterien argumentiert konstruktivistisch. Danach filtert das visuelle System des Betrachters diejenige Information von der Netzhaut, die mit der wahrgenommenen räumlichen Tiefe der betrachteten Szene zusammenhängt. Ergeben sich aus dem Netzhautbild beispielsweise Hinweise dafür, dass ein Dreieck ein Viereck teilweise verdeckt, so wird daraus erschlossen, dass sich das Dreieck vor dem Viereck befinden muss: Die cues ergeben sich aus dem Input des Netzhautbildes; sie werden nicht „gesehen“, sondern nur sensorisch, und damit nicht bewusst, registriert und – weitestgehend unbewusst – ausgewertet; ich „sehe“ dann als Endprodukt die räumliche Szene, einschließlich des Eindrucks der Verdeckung.
Die Wahrnehmungspsychologen unterscheiden vier verschiedene Gruppen von Tiefenkriterien: (1) Okulomotorische Tiefenkriterien; (2) monokulare Tiefenkriterien; (3) bewegungsinduzierte Tiefenkriterien, die bei bewegtem Betrachter aber neutraler: wirksam werden; (4) Querdisparation, die auf dem unterschiedlichen Blickwinkel beider Augen beruht.