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Tod im Kinosaal

Am Anfang der Kinogeschichte steht ein Mythos von Todesangst: die vielfach kolportierte Legende von den aus einer Vorstellung von L’arrivée d’un train à La Ciotat (Louis & Auguste Lumière, 1895) flüchtenden Zuschauern, die der Anblick des näherkommenden Zugs in Panik versetzt haben soll. Trotz strittigen Wahrheitsgehalts ist die Geschichte durch wiederholte Re-Inszenierung (Hugo, 2011, Martin Scorsese) lebendig geblieben – Alfred Hitchcock wollte den Zuschauern mit dem entgleisenden Zug am Ende von Secret Agent (1936) ursprünglich mit einer scheinbar aus der Leinwand schlagenden Flamme einen ähnlichen Schreck einjagen.
Aus der Luft gegriffen war die Angst nicht: Die leichte Entflammbarkeit von Zelluloidfilm galt lange als veritables Sicherheitsrisiko (und diente dem Bürgermeister von New York City 1908 als Vorwand, sämtliche Kinos der Stadt zu schließen). Quentin Tarantino erinnert in Inglourious Basterds (2009) hieran – in diesem parahistorischen Film reißt das brennende Filmmaterial nicht nur etliche Kinobesucher in den Tod, sondern beendet gar den Zweiten Weltkrieg.
Unterbewusste Ängste vorm Tod im Kinosaal sind niemals verschwunden: Kino-Attentate wie der Amoklauf von Aurora, Col. (20.7.2012) vergegenwärtigen die Schutzlosigkeit eines ganz in den Bann der Inszenierung geschlagenen Publikums genauso wie fiktive Aufarbeitungen solcher Szenarien, in denen Killer im Dunkel des Kinosaals unbemerkt zuschlagen (He Knows You’re Alone, 1980, Armand Mastroianni; Scream 2, 1997, Wes Craven). Eng verwandt hiermit ist die paranoide Furcht vorm Kino als Kontaminationsherd, beispielsweise in Outbreak (1995, Wolfgang Petersen) mit seiner Visualisierung einer im Saal grassierenden Virusinfektion.
Literatur: Yacowar, Maurice: Hitchcock’s British Films. Detroit: Wayne State University Press 2010.