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Trinkerfilm: Ätiologie und Phänomenologie

Filme, in denen die körperlichen, psychischen und sozialen Folgen übermäßigen Alkoholkonsums (Alkoholmissbrauchs) als einer spezifischen Ausprägung von Suchtverhalten gezeigt werden. Die verbreitetste Form des Trinkens (in der Wirklichkeit wie auch im Film) ist das sogenannte Problemtrinken: Arbeitsüberlastung, Eskapismus, Vergessenwollen, Einsamkeit, Schreibunfähigkeit, Existenzangst, affektive Störungen und Ärger mit Bezugspersonen, aber auch der als Genuss empfundene Rausch führen – unabhängig von sozialer Stellung – einen Menschen zum Alkohol. Dramaturgisch genutzt werden können im Trinkerfilm (1) psychische Symptome des Alkoholmissbrauchs wie Enthemmung, Angstabbau, Rededrang, mit Gereiztheit abwechselnde Euphorie, das subjektive Gefühl des sich selbstüberschätzenden Trinkers, seine Leistungen steigern zu können, bei gleichzeitiger Kritiklosigkeit und Urteilsschwäche, Wahrnehmungs-, Konzentrations- und Denkstörungen; (2) psychosoziale Folgen wie Zerfall des Selbstwertgefühl, Entwicklung von Abwehr- und Tarnmechanismen, soziale Auswirkungen auf Beruf, Ehe, Partnerschaft und Familie, sozialer Abstieg, Alkoholdelikte wie Trunkenheitsfahrten, Gewaltanwendung, Kriminalität, langfristig auch: Alkoholdepravation oder Wesensveränderungen; (3) somatische Ausfälle und Folgeerkrankungen wie Desorientierung, Unruhe, Alkoholtremor, -psychose (-halluzinose oder -wahnsinn); amnestisches Syndrom oder Korsakow-Psychose und damit verbundene Konfabulationen, Eifersuchtswahn (Alkoholparanoia), Delirium tremens (Alkoholdelir) und letztlich Demenz (Dementia alcoholica). Eventuelle mit der Sucht in Zusammenhang stehende Depressionen und Suizidalhandlungen aus Selbsthass und Lebensüberdruss können filmisch ebenso verarbeitet werden (z.B. in Le Jeu follet / dt.: Das Irrlicht, Frankreich 1963, Louis Malle, oder in Leaving Las Vegas, USA 1995, Mike Figgis) wie die Schrecken des Alkoholentzugssyndrom innerhalb oder außerhalb klinischer Umgebungen.

Literatur: Cocaul, Arnaud: Le cinéma français fait-il l'apologie de l'alcoolisme? Med. Diss. Nantes 1991. – Kuusi, Hanna: Alkohol i finländsk film på 1960-talet. In: Alkoholen och kulturen. Red. av Anders Gustavsson. Uppsala: Univ., Etnologiska avd. 1998 (Etnolore, 19.), S. 145-154. - Lefebvre, Thierry: ”Les victimes de l'alcoolisme” (Pathé - 1902): quand le cinéma des premiers temps puise son inspiration dans le discours hygiéniste dominant. Perpignan: Institut Jean Vigo 1992.

Referenzen