Metainformationen zur Seite
  •  

Vagabund

in der US-Kultur: Hobos

Räumlich und sozial nicht gebundene oder desintegrierte Figuren, die auf Reisen gehen und sich zumeist nicht über ihre Ziele bewusst sind. Dabei kann ihr Unterwegssein freiwillig oder unfreiwillig motiviert sein. Manchmal ist die herumziehende Heimatlosigkeit eine kollektive Lebensform, die als Lebensform ganzer ethnischer Kollektive ausgewiesen wird (wie etwa die Zigeuner; man denke aber auch das Volk der „Landfahrer“ in Irland, die Joe Cemerford in seinem Film Traveller porträtiert hat, 1981) oder die an Berufsgruppen wie Schauspieler und Schausteller gebunden ist (von Freaks, 1932, über die diversen Zirkus-Kollektive bis zu dem Artisten-Paar in La Strada, 1954, Federico Fellini). Manchmal wird Vagabundentum als Indikator für eine globale Verarmung der Gesellschaft inszeniert, der Vagabund gehört dann einer sozialen Gruppe zu, die nicht mehr durch Arbeit, soziale Netze u.ä. integriert ist; vor allem die amerikanischen „Hobos“ gehören diesem dramatischen und sozialen Typus zu (wie z.B. in Sullivan‘s Travels, 1941, Preston Sturges). Daneben finden sich auch individualisierte Vagabunden, die manchmal aus enem Impuls von Fernweh, manchmal gänzlich unmotiviert, manchmal aus einem nicht verarbeiteten Verlust heraus Ansässigkeit und Heimat gegen ein ruheloses Leben in Bewegung eingetauscht haben (bis zu der Operettenfigur des „lachenden Vagabunden“ in dem gleichnamigen Fred-Bertelmann-Film aus dem Jahre 1958, Thomas Engel).
Zum Rollentypus des Vagabundierenden gehört eine gewisse Passivität, d.h. ein Sich-Anderen-Überlassen. Vagabunden sind zudem häufig Outlaws, wenngleich mit ihnen noch mehr romantische Vorstellungen eines identitätssuchenden, freien Subjekts assoziiert sind. Häufig werden sie als Spiegel bürgerlicher Figuren inszeniert und bilden damit einen Kommentar zu bourgeoisen Werten und Verhaltensnormen; wenn in Robert Aldrichs Emperor of the North Pole (1973) etwa der Wettkampf zwischen Hobos und einem Zugchef entbrennt und immer mehr zu einer Art Klein-Krieg eskaliert, ist der parabolische Kern des Geschehens - freie Vagabunden gegen die Ordnungsmacht – immer greifbar. Vagabunden begehen aus Not und Armut gelegentlich kleine Delikte, verschärfen damit das Misstrauen gegen Fremde, das ihnen nahezu grundsätzlich entgegengebracht wird, und ziehen - wegen ihres desintegrierten Status – häufig sogar Gewalt-Taten auf sich (wie in Sans toit ni loi, 1985, Agnès Varda).

Literatur: Boyer, Jay: Superfluous people. Tramps in early motion pictures. In: Beyond the stars: Stock characters in American popular film. Ed. by Paul Loukides and Linda K. Fuller. Bowling Green, Ohio: Bowling Green State University Press 1990, pp. 79-89.