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verstörendes Erzählen

engl.: perturbatory narration 

Bezeichnung eines transmedial anwendbaren narratologischen Konzepts, das auf einer Kombination von täuschenden, paradoxalen und verrätselnden Erzählstrategien beruht, die allesamt seltsam irritierende oder bizarre Effekte ausüben. Die einzelnen Verfahren des täuschenden Erzählens sind unzuverlässiges Erzählen, falsche Fokalisierung/Okularisierung/Aurikularisierung, falsche Pisten, Lügen etc.; das paradoxale Erzählen umfasst die Metalepse, Pseudodiegese, Meta-Morphose, mise en abyme aporétique und à l´infini, den strange loop und die Möbiusschleife; beim verrätselnden Erzählen herrscht Unbestimmtheit oder Ambiguität hinsichtlich der Modellierung von fiktionaler Realität, Raum, Zeit oder Kausalität vor, auch der phantastische Modus zählt dazu. In El Aura (Fabián Bielinsky, 2005) entsteht der verstörende Effekt z.B. durch die Kombination von täuschendem und verrätselndem Erzählen, so dass am Ende zwei unterschiedliche Lesarten gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Diese Verknüpfung von sich eigentlich gegenseitig ausschließenden Erzählstrategien erzeugt jene verstörende Aporie, die das Konzept des Verstörenden Erzählens systematisiert und typologisiert.

Als Erzählprinzip ist das verstörende Erzählen auf narrative und fiktionale Texte beschränkt, da seine Modellierung auf der doppelten Sprechhandlungssituation basiert, die nur fiktionalen Texten eignet, doch werden auch sogenannte hybride Genres wie mockumentary und docufiction eingeschlossen. Massiv eingesetzt wird das verstörende Erzählen in der Literatur seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,  im Film seit den 1990ern (etwa in den Spielarten der puzzle films, mind-game movies, complex movies).

Literatur: Schlickers, Sabine / Toro, Vera (Hrsg.): Perturbatory Narration in Film: Deception, Paradox, Empuzzlement. Berlin: De Gruyter 2018. – Schlickers, Sabine (unter Mitarb. v. Vera Toro): La narración perturbadora: un nuevo concepto narratológico transmedial. Madrid/Frankfurt: Iberoamericana/Vervuert 2017.

Referenzen