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Wanderkino

Das Wanderkino war in der Zeit bis etwa 1908 die dominante Auswertungsform früher Filme in Mitteleuropa. Wanderkinos waren ebenso wie die ab 1905/06 entstandenen ortsfesten Kinos speziell für die Filmprojektion auf Dauer eingerichtete Spielstätten, für deren Zugang Zuschauer Eintrittsgeld bezahlten; anders als die ortsfesten Kinos wurden sie von Ort zu Ort bewegt. Wanderkinos entstanden ab 1896 z.T. aus ambulanten Varietés, die zur Jahrmarktskultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehörten. Der Transport der Theaterbauten erfolgte mit der Eisenbahn. In der Tradition der ambulanten Varietés zeigten die Wanderkinos ein abwechslungsreiches Nummernprogramm, das aus bis zu einem Dutzend fiktionalen und nicht-fiktionalen Filmen bestand und bis zu zwei Mal pro Stunde gezeigt wurde. Der fiktionale Film avancierte spätestens ab 1903 zum tragenden Programmbestandteil; komische Filme waren das bevorzugte Genre. Um ein abwechslungsreiches Programm gestalten zu können, führten die Wanderkinos ein Kontingent von bis zu einigen Hundert Filmen mit, die den Inhabern gehörten. Die Unternehmen bespielten nicht nur die Groß-, sondern in zunehmendem Maß auch die Mittel- und Kleinstädte. Sie differenzierten ihre Eintrittspreise zudem so, dass Menschen aller sozialen Schichten angesprochen wurden. Rund 500 Wanderkinounternehmen erreichten in Deutschland bereits 1904 pro Woche mit etwa einer Million Zuschauern so viele Menschen wie keine andere Auswertungsform (die zweitwichtigste war das Varieté). Die Zahl ihrer Standorte auf Jahrmärkten vervielfachte sich in wenigen Jahren bis 1910. Größere Kinos umfassten um 1910 300 bis 650 Plätze (die sogenannten Zirkuskinematographen sogar weit über 1.000 Plätze); sie unterschieden sich von kleineren Theatern durch die kunstvolle Fassadengestaltung mit einer aufwendigen Beleuchtung, einer musikalischen Ausstattung in Form einer Orgel bzw. eines kleinen Orchesters sowie durch eine Differenzierung der Sitzplätze in unterschiedlich komfortable und teure Ränge wie in modernen Stadttheatern. Daneben wurden in z.B. in Deutschland auch Gaststätten-Säle und sogenannte Spezialitätentheater von ambulanten Kinematographen bespielt. Ab 1911 sank die Zahl der Wanderkinos in Deutschland dramatisch. Der überwiegend Teil der Wanderkinounternehmer stieg in den Jahren 1911 bis 1914 aus dem Geschäft aus, nachdem sich das ortsfeste Kino mit dem Verleihsystem für Filme allgemein durchgesetzt hatte. Auch später hat es vereinzelt noch Wanderkinos gegeben, z.B. wurden sie auf dem Lande von den Nazis zu Propagandazwecken eingesetzt. Anders als in Mitteleuropa gab es in den USA kein dem mitteleuropäischen Wanderkino vergleichbares Phänomen. Die traveling exhibitors verfügten über keinen ambulanten Theaterbau, sondern bespielten bestehende Räumlichkeiten wie Gemeinde- oder Kirchensäle.

Literatur: Aurora, Blaise: Histoire du Cinéma en Lorraine: Du cinématographe au cinéma forain 1896-1914. Metz: Editions Serpenoise 1996. – Scrivens, Kevin / Smith, Stephen: Travelling Cinematograph Show. Tweedale: New Era 1999. – Convents, Guido: Van kinetoscoop tot café-ciné: De eerste jaren van de film in België 1894-1908. Leuven: Universitaire Pers Leuven 2000. - Bernardini, Aldo: Cinema italiano delle origini: Gli ambulanti. Gemona: La Cineteca del Friuli 2001. – Musser, Charles / Nelson, Carol: High-Class Moving Pictures, Lyman H. Howe and the Forgotten Era of Traveling Exhibition, 1880-1920. New Jersey: Princeton University Press 1991.

Referenzen