Lexikon der Filmbegriffe

Paranoia-Kino

Ein Meta-Genre, das – meist als Thriller mit fantastischen Elementen – Ohnmachtsgefühle des Individuums in der modernen Welt sowie soziale und politische Krisen und Bedrohungsszenarien in Form umfassender Verschwörungen und globaler Gut/Böse-Konfrontationen dramatisiert. Oft geprägt von einer klaustrophobisch-expressionistischen Verfremdungsästhetik, entwerfen diese Werke geschlossene Welten, häufig mit subjektivierter, Film Noir-typischer Innenperspektive. Zu den bevorzugten Motiven und Figuren gehören investigative Protagonisten, die ein bösartiges System aufdecken, dessen Fäden in einem Machtzentrum zusammenlaufen. Seltener kommen Paranoia-Filme auch als Satiren und schwarze Komödien daher.
Filmhistorisch wegweisend ist die Tradition des paranoid thriller von Fritz Lang mit seinen dessen konspirativ-totalitäre Weltentwürfe, in denen sich symptomatisch die Wirren der Weimarer Republik spiegelten (Dr. Mabuse, der Spieler, 1922). Paranoide Tendenzen finden sich später im klassischen Film Noir, ausgeprägter jedoch in den alien-invasion-Filmen des amerikanischen SF-Kinos der 1950er (Invasion of the Body Snatchers, 1956) sowie im Politthriller der 1960er, etwa Salvatore Giuliano (1961, Francesco Rosi) oder The Manchurian Candidate (1962, John Frankenheimer). Mit den Verschwörungsthrillern der 1970er Jahr (Alan J. Pakulas The Parallax View, 1974, oder All the President‘s Men, 1976) wurde der Paranoia-Film zum Begriff. Den paranoiden Politthriller erneuerte in den 1990ern Oliver Stone (JFK, 1991). Gleichzeitig hat sich der politische Fokus sukzessive verschoben: zunächst von der Angst vor externer kommunistischer Bedrohung in den 1950ern zur Kritik an den eigenen Institutionen (Regierung, Big Business) in den 1960ern und 1970ern; später von der Frage, welchen institutionellen Akteuren zu trauen sei, in den explizit politischen Filmen der 1970er, hin zur „apolitischen“ Individualisierung in den 1990er Jahren und den weitverbreiteten, diffusen Unsicherheiten im „Zeitalter der Angst“ (Globalisierung, Medialisierung/Simulation, Körpertechnologien). Dieser letzteren Verschiebung entspricht der aktuelle Boom des paranoiden Neo-Noir (Fight Club, 1999, David Fincher; Memento, 2000, Christopher Nolan).

Literatur: Hendershot, Cyndy: Paranoia, the Bomb, and 1950s Science Fiction Films. Bowling Green, Ohio: Bowling Green State University Popular Press 1999. – Keutzer, Oliver: Projekt Zweifel. Verdachtsmomente im Paranoia-Thriller. In: Kino der Extreme. Kulturanalytische Studien. Hrsg. v. Marcus Stiglegger. St. Augustin: Gardez! 2002, S. 292-316. – Naziri, Gérard: Paranoia im amerikanischen Kino. Die 70er Jahre und die Folgen. Sankt Augustin: Gardez! 2003. – Pratt, Ray: Projecting paranoia. Conspiratorial visions in American film. Lawrence, Kansas: University Press of Kansas 2001.

Referenzen:

Big Bug Films

Gehirnwäsche

Kalter Krieg

paranoider Thriller: Bestimmungselemente

paranoider Thriller: Geschichte

Stalking


Artikel zuletzt geändert am 19.10.2012


Verfasser: HMT


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