Lexikon der Filmbegriffe

Unschuldig beschuldigt

auch: Unter falschem Verdacht

Das Motiv „unschuldig beschuldigt“ ist ein Erzählmuster, das vor allem im klassischen Hollywoodkino verwendet wurde: Jemand, meist ein normaler, durch nichts ausgezeichneter Bürger, gerät in den Verdacht, eine Tat begangen zu haben, die er nicht begangen hat – allerdings kann er sich auch nicht entlasten, und wenn er nicht zu handeln beginnt, könnte die Geschichte schlimm enden (als Klassiker können Hitchcocks Young and Innocent, 1936, und The Thirty-Nine Steps, 1936, gelten). Die Gefährdung der Rechtssicherheit des Protagonisten und die Rückkehr in den Alltag sind Gelegenheiten, an denen die Loyalität der kleinen Leute, die Bedeutung des Vertrauens entgegen allem, was Leute reden und Zeitungen schreiben, und die Liebe, die einem in dieser Verstrickung, gegen den Widerstand der Welt sozusagen, widerfahren kann.
Die bevorzugten Genres sind Kriminalfilm, Thriller und Justizdrama, das Motiv findet sich aber auch in einer ganzen Reihe von Western. Oft wird das Motiv mit anderen kombiniert, etwa mit dem des Doppelgängers (wenn unschuldiges Opfer und schuldiger Täter Alter-ego-Rollen übernehmen wie in Hitchcocks düsterem Noir-Triller The Wrong Man, 1956) oder mit einer alptraumhaft anmutenden Verstrickung, wenn etwa die Ereignisse lawinenartig über eine schuldlose Figur hereinbrechen wie in Fritz Langs Fury, 1936, in dem ein Unschuldiger vom Mob einer Kleinstadt gelyncht werden soll. Ende der 1960er Jahre häufen sich Geschichten des Motivkreises, die dem Rechts-Thema gewidmet sind, die vor allem auch das Rechts-System und die Rechts-Institutionen als politische Instrumentarien attackieren (wie Sacco e Vanzetti, 1970, Giuliano Montaldo).
Natürlich ist der oder die zu Unrecht Beschuldigte die Identifikationsfigur für das Publikum, und so fällt das Happy-End samt kathartischer Läuterung zusammen mit der Freisprechung des Protagonisten. Es mag mit dieser Konzentration auf den einzelnen zusammenhängen, dass die Filme des Motivs immer klare Haltungen gegen Lynchjustiz, Rassismus und Vorurteil eingenommen haben.

Literatur: Elling, Elmar / Möller, Karl-Dietmar / Wulff, Hans J.: Propositionsgefüge und Erzähltexte. Semiotische Aspekte der Narrativik. In: Semiotik und Massenmedien. Hrsg. v. Günter Bentele. München: Ölschläger 1981, S. 280-297. – Wulff, Hans J.: Historische Variationen des narrativen Topos' "Unter fal­schem Ver­dacht" im Film. In: 2. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium / Berlin '89. Akten. Münster: MAkS Publikationen 1990, Sp. 265-277. – Wulff, Hans J.: Problematisches Recht: Bemerkungen zur narrativen Form eines populären Erzählmotivs. In: Kinoschriften. Jahrbuch der Gesellschaft für Filmtheorie 3, 1992, S. 139-150.


Artikel zuletzt geändert am 16.07.2011


Verfasser: HJW PB


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